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Trotz Corona-Affäre : Der Mann, auf den Boris Johnson nicht verzichten will

Johnson weiß, wie unbeliebt sein Chefberater ist, sogar in seiner eigenen Partei. Mehr als zwanzig Tory-Abgeordnete sprachen sich schon für Cummings’ Entlassung aus. Viele Tories sehen den parteilosen, oft arrogant auftretenden Chefberater als Giftstachel im Herz der Regierung. Manche Abgeordnete empfänden aber auch einfach nur Hass, weil sie Opfer seiner „scharfen Zunge“ geworden seien, gab ein Minister zu bedenken, der auf Cummings Seite steht. Zudem sei „Eifersucht“ im Spiel, weil der Chefberater Johnsons Vertrauen genieße und mehr Einfluss habe als andere, selbst Minister.

Wie ein unsicher wirkender Angeklagter

Der öffentlichkeitsscheue, geheimnisumwitterte und oft diabolisierte Cummings trat am Montag als unsicher wirkender Angeklagter auf, der zwar keine Reue zeigte, aber immer wieder einräumte, dass seine „vernünftigen“ Entscheidungen von anderen womöglich anders getroffen worden wären. Eindrucksvoll war seine Präsentation nur insofern, als sie vermutlich ihr Ziel erreichte. Der Höhepunkt der Affäre fühlte sich nach diesem Auftritt überwunden an.

Gleichwohl hätte sich Johnson viel Ärger ersparen können, hätte er Cummings freundlich verabschiedet. Dass er den Unmut in seiner Partei auf sich nimmt, illustriert die enorme Bedeutung, die er seinem Berater zumisst. Um das zu verstehen, hilft nur ein kurzer Blick zurück. Als Cummings Ende 2015 die Leitung der Brexit-Kampagne übernahm, lagen die EU-Gegner fast hoffnungslos hinter den „Remainers“ zurück. Cummings entwarf eine Strategie, die viele traditionelle Euroskeptiker vor den Kopf stieß, und führte die Kampagne schließlich mit dem Slogan „Take back Control“ - und Boris Johnson als Galionsfigur - zu ihrem Überraschungssieg.

Einen Namen in Westminster hatte sich Cummings schon vorher gemacht. Der oft hochfahrend auftretende Oxford-Absolvent galt als Kopf hinter den Reformen von Bildungsminister Michael Gove und legte sich schon damals mit dem „Establishment“ im Regierungsviertel an. Viele, vor allem Jüngere, sahen ihn ihm einen Erneuerer, der einen trägen Regierungsapparat modernisieren und Bildungs- und Sozialreformen vorantreiben wollte. Andere betrachteten ihn schlicht als Verrückten. David Cameron nannte ihn einen „Karrierepsychopathen“.

Als Johnson ihn in die Downing Street holte, stand Cummings vor einer ähnlich ausweglosen Situation wie dreieinhalb Jahre zuvor. Johnson war an die Macht gekommen, weil er den Vollzug des Brexit-Referendums versprochen hatte, aber ihm fehlten die Mehrheiten dafür. Cummings Strategie war kühn, manche sagen: rücksichtslos. Er riet dazu, die Lage maximal zu eskalieren, um so entweder auf direktem Wege zum Erfolg zu kommen oder aber Neuwahlen zu erwirken, die Johnsons Machtbasis verbreitern würden.

Schon in dieser Phase wurde Cummings´ Entlassung gefordert. Abgeordnete aller Parteien sahen ihn hinter den Manövern, die das Land an den Rand einer Verfassungskrise geführt hatten: von der Zwangsbeurlaubung des Parlaments, die der Supreme Court als rechtswidrig einstufte, bis hin zur Drohung, sich über den Parlamentsbeschluss zur Verlängerung der Austrittsfrist hinwegzusetzen.

Aber Johnson stand zu seinem Berater – und dessen Husarenstück glückte. Nach drei Monaten war die Lage so verfahren, dass nur noch Neuwahlen halfen, die Johnson mit großer Mehrheit gewann. Sechs Wochen später unterzeichnete er die EU-Austrittsurkunde.
Aus Johnsons Sicht ist Cummings der Mann, der das scheinbar Unmögliche möglich macht. Das ist ein wertvoller Dienst für einen Premierminister, der noch einiges vor hat. Johnson will die Regierungsmaschinerie umbauen und die Konservativen zur Partei des regionalen Ausgleichs und der sozialen Mobilität machen. Die bald beginnenden Aufräumarbeiten nach der Corona-Krise lassen diese Ziele fast unerreichbar erscheinen. Johnsons Hoffnung ruht auf Cummings.

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