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Corona unter Ultraorthodoxen : „Die Tora schützt“

Israelische Polizisten nehmen ultraorthodoxe Juden im Jerusalemer Viertel Mea Shearim fest. Bild: dpa

Hohe Coronavirus-Infektionsraten unter ultraorthodoxen Juden machen Israel zu schaffen. Eine Minderheit von ihnen widersetzt sich den Vorkehrungen dennoch weiterhin.

          2 Min.

          Rivka Paluch ist Benjamin Netanjahus Beraterin für ultraorthodoxe Angelegenheiten. Und weil Paluch positiv auf das Coronavirus getestet wurde, begab sich am Montag auch der israelische Ministerpräsident vorsorglich in häusliche Quarantäne. Dass es ausgerechnet Paluch war, durch welche die Epidemie bis in die israelische Staatsspitze gelangte, mag ein unglücklicher Zufall sein. Doch wirft der Fall abermals ein Licht auf jenen Teil der Israelis, der zehn Prozent der Bevölkerung stellt, aber mittlerweile die Hälfte aller wegen Corona ins Krankenhaus eingelieferten Patienten ausmacht: die ultraorthodoxen Haredim – jene, die vor Gott „zittern“.

          Jochen Stahnke
          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Die Lage in den ultraorthodoxen Gegenden hat sich mittlerweile so verschärft, dass der Generaldirektor des Gesundheitsministeriums, Mosche Bar Siman-Tov, am Montag deren totale Abriegelung in Erwägung zog. Dies betrifft vor allem die neben Tel Aviv gelegene ultraorthodoxe Stadt Bnei Brak sowie die Jerusalemer Viertel Mea Shearim und Geula, in denen die Infektionsraten im Vergleich zum Rest des Landes um ein Vielfaches steigen. Das liegt auch daran, dass einige der führenden Rabbiner der vielen verschiedenen Gemeinden lange zögerten, den Direktiven der Behörden zu folgen. Auch die Polizei hielt sich im Gegensatz zu anderen Landesteilen zurück: Am Wochenende kamen in Bnei Brak zum Begräbnis eines Rabbiners noch 300 Menschen zusammen – zwar deutlich weniger als bei solchen Anlässen üblich, doch hatte die Regierung die Teilnehmerzahl bei Begräbnissen da längst auf 20 begrenzt. In Bnei Brak hatte Chaim Kaniewski, der einflussreiche Rabbiner der ultraorthodoxen Litauer Gemeinde, vor zwei Wochen noch dazu aufgerufen, religiöse Hochschulen geöffnet zu halten, als die Regierung die Schließung sämtlicher Bildungseinrichtungen verfügt hatte: „Die Tora schützt und rettet.“

          Am Sonntag dann erkannte auch Kaniewski, dass Bnei Brak nach Jerusalem die höchsten Infektionsraten des Landes aufweist. Er verfügte, dass man fortan allein zu beten habe. Inwiefern sich die Seuche in Bnei Brak weiter ausbreitet, ist kaum abzusehen. Die Stadt ist eine der am dichtesten besiedelten des Landes, die Familien sind groß, oft arm und die Wohnungen klein. „Wenn man eine Familie von zehn oder zwölf Menschen auf fünfzig, sechzig Quadratmetern hat, kann man die Ausbreitung des Virus kaum verhindern“, sagte der Arzt Moti Ravid in Bnei Brak. Die Ultraorthodoxen seien „berechtigt, ihr eigenes Leben zu führen, aber hier ist davon auch der Rest des Landes betroffen“.

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          Die meisten Ultraorthodoxen befolgen die Maßnahmen jedoch. Nach Angaben der Jerusalemer Stadtverwaltung bereiten nur fünf Prozent „Probleme“, eine Minderheit, die gleichwohl oft das mediale Bild der vielfältigen Gemeinschaft bestimmt. Doch auch die extremen Gemeinden kommen hochgerechnet immer noch auf Zehntausende. Am Montag warfen Ultraorthodoxe im strenggläubigen Viertel Mea Shearim, in denen viele den Staat Israel als solchen ablehnen, Steine auf Polizisten und Mitarbeiter des Gesundheitsdienstes, die Corona-Tests durchführen wollten. Polizeivideos zeigten, wie die Beamten als „Nazis“ beschimpft wurden. Die Polizei verschweißte den Eingang von Synagogen und errichtete Straßensperren um Mea Shearim.

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