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Zweite Welle in Italien : Südtirol will die Virus-Ausbreitung mit einem Massentest bremsen

Ziel der Provinzregierung in Bozen ist es, mindestens zwei Drittel der Bevölkerung – rund 350.000 Menschen – zur Teilnahme an dem kostenlosen Test zu bewegen. Bild: AFP

Die Provinzregierung ruft die Bevölkerung auf, sich bis Sonntag an 600 Teststraßen auf Infektionen mit dem Coronavirus testen zu lassen. Dabei sollen vor allem asymptomatische Verläufe entdeckt werden. Fachleute schätzen deren Zahl auf bis zu 35.000.

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          In der autonomen italienischen Provinz Südtirol mit gut 530.000 Einwohnern hat am Freitagmorgen um acht Uhr der Massentest der Bevölkerung auf Sars-CoV-2-Infektionen begonnen. Ziel der Provinzregierung in Bozen ist es, mindestens zwei Drittel der Bevölkerung – rund 350.000 Menschen – zur Teilnahme an dem kostenlosen Test zu bewegen. Bis Sonntagabend um 18 Uhr sind an rund 200 Orten, meist Turnhallen, Schulen, Bürgersäle und Vereinslokale, etwa 600 sogenannte Teststraßen eingerichtet.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Auch nach der Schließung der Teststraßen, die von 900 Ärzten und Pflegern sowie von 600 Mitarbeitern der Gemeinden, des Zivilschutzes und der Feuerwehr betrieben werden, können sich die Südtiroler noch bis Mittwoch bei ihren Hausärzten sowie in Apotheken auf Sars-CoV-2 testen lassen.

          „Kinderbetreuung, Bildung und Arbeit wieder möglich machen“

          Die Teilnahme an dem Test ist freiwillig, wurde von der Provinzregierung unter Landeshauptmann Arno Kompatscher von der konservativen Südtiroler Volkspartei (SVP) sowie von allen anderen maßgeblichen Parteien, außerdem von den Sozialpartnern und von Bildungsorganisationen empfohlen. Auf der Grundlage der Testergebnisse will die Regierung in Bozen ihre weiteren Entscheidungen treffen, um möglichst bald „Kinderbetreuung, Bildung und Arbeit wieder möglich zu machen“, sagte Thomas Widmann (SVP), Landesrat für Gesundheit: „Wenn möglichst viele Personen zum Test kommen, können wir genügend asymptomatische Virusträger herausfiltern und das Infektionsgeschehen damit stark einschränken.“ Damit könnten drohende monatelange Einschränkungen bis zum Frühjahr vermieden werden, sagte Widmann.

          Die Südtiroler Provinzregierung hat mehr als 600 sogenannte Teststraßen, wie hier in Bozen, eingerichtet.
          Die Südtiroler Provinzregierung hat mehr als 600 sogenannte Teststraßen, wie hier in Bozen, eingerichtet. : Bild: AFP

          An dem Test nicht teilnehmen sollen Kinder unter fünf Jahren, Bewohner von Alters- und Pflegeheimen, wo ohnehin regelmäßig getestet wird, sowie Personen mit akuten grippeähnlichen Symptomen. Die Abnahme des Antigentests in den Teststraßen soll nach Möglichkeit nicht länger als drei Minuten pro Person dauern. In einigen Gemeinden wurde ein Online-Anmeldeverfahren eingerichtet, um Menschenansammlungen vor den Teststraßen zu vermeiden. In Städten wie Bozen und Meran wurden den Einwohnern je nach Wohngegend bestimmte „Zeitfenster“ für den Test zugewiesen.

          Das Ergebnis des Antigentests soll nach einer halben Stunde vorliegen und wird den Getesteten per E-Mail mitgeteilt. Der Zugang zum Testergebnis ist passwortgeschützt, das persönliche Passwort wird der Testperson mittels SMS an das Mobiltelefon mitgeteilt. Wer nicht über E-Mail-Adresse und Handynummer verfügt, soll eine Vertrauensperson mit den entsprechenden Kontaktmöglichkeiten benennen. Bei einem positiven Testergebnis soll sich die betroffene Person für zehn Tage in häusliche Quarantäne begeben, sofern keine ernsthaften Symptome festgestellt werden. Nötigenfalls erfolgt auch eine vereinfachte Krankschreibung. Die Quarantäne kann nach zehn Tagen verlassen werden, ohne dass ein PCR-Test mit negativem Ergebnis vorgelegt werden muss.

          Die Prognosen von Fachleuten zur Zahl der asymptomatischen Infektionen, die der Massentest unter den Südtirolern aufdecken werde, schwankten zwischen 10.000 und 35.000. Die Kosten des Massentests für die öffentliche Hand belaufen sich nach Angaben der Bozener Regierung auf etwa 3,5 Millionen Euro. Das sei zwar viel Geld, aber es sei gut angelegtes Geld, sagte Gesundheitslandesrat Widmann. Sollte der Massentest erfolgreich verlaufen, könne Südtirol früher einen Schritt hin zu normaleren Verhältnissen machen.

          Auch Österreich plant Massentest

          Die Provinzregierung in Bozen hatte wegen der stark steigenden Zahl von Neuinfektionen am 9. November ganz Südtirol zur „roten Zone“ mit umfassenden Einschränkungen der Bewegungsfreiheit und der Wirtschaftstätigkeit erklärt. Die Regierung in Rom hatte die Provinz dagegen als „gelbe Zone“ mit mäßigem Infektionsrisiko eingestuft. Landeshauptmann Kompatscher hatte den Alleingang damit begründet, dass die Regierung in Rom ihre Entscheidung auf Basis von alten Zahlen getroffen habe: „Wir haben uns gezwungen gefühlt, schneller zu handeln.“ Mit dem Massentest soll ein rascheres Absinken der Neuinfektionen nun weiter vorangetrieben werden.

          Ende Oktober hatte die Slowakei einen Corona-Massentest vorgenommen, bei der die Teilnahme der Bevölkerung verpflichtend war. An dem Test nahmen mehrere Millionen Menschen teil. Die Regierung in Pressburg (Bratislava) ist überzeugt, dass die vergleichsweise flache Kurve der Neuinfektionen in der Slowakei in der zweiten Welle der Pandemie hauptsächlich dem Massentest zu verdanken ist. Auch Österreich plant einen Massentest, will dabei aber dem Südtiroler Beispiel folgen: Die rund neun Millionen Einwohner des Landes sollen zur freiwilligen Teilnahme aufgerufen und nicht wie in der Slowakei dazu verpflichtet werden.

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