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Restriktive Corona-Politik : Wie die Italiener Weihnachten feiern sollen

Mitarbeiter eines Notdienstes bringen einen Corona-Patienten aus einem Haus in der Stadt Cinisello Balsamo nahe Mailand. Bild: dpa

Die Regierung in Rom plant für Weihnachten und Neujahr allenfalls geringfügige Lockerungen – es werden sogar zusätzliche Einschränkungen eingeführt. Auch beim Skifahren verfolgt Ministerpräsident Conte weiter eine harte Linie.

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          An diesem Montag gibt es neue Lichtsignale auf Italiens Corona-Ampel. Für die Lombardei mit der Hauptstadt Mailand und das Piemont um Turin im Norden des Landes sowie für Kalabrien in Süditalien springt die Ampel von rot auf orange; in den drei Regionen herrscht regierungsamtlich jetzt nur mehr ein „erhöhtes“, aber kein „extrem hohes“ Infektionsrisiko. Für Ligurien und Sizilien gilt statt orange nun gelb, die Infektionsgefahr gilt mithin als „gemäßigt“ und nicht mehr als erhöht.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          „Rote Zonen“ mit einem besonders hohen Infektionsrisiko bleiben dagegen bis mindestens 3. Dezember Südtirol und das Aostatal im Norden, die Toskana und die Abruzzen in Mittelitalien sowie schließlich Kampanien mit der Metropole Neapel im Süden. 

          Es ist für die Menschen in den betreffenden Regionen nicht ganz leicht, den Überblick über fortbestehende Einschränkungen und neue Lockerungen in den unterschiedlichen Farb- und Gefahrenzonen zu behalten. Grob gesprochen ist in roten Zonen alles geschlossen außer Supermärkten und Lebensmittelgeschäften, in orangefarbigen Zonen sind der Einzelhandel und Friseure offen, in gelben Zonen dürfen außerdem Restaurants bis 18 Uhr abends Gäste am Tisch bewirten, danach Speisen nur noch zum Mitnehmen anbieten. Die Ausgangssperre von 22 bis sechs Uhr bleibt im ganzen Land bestehen, auch das allgemeine Reiseverbot gilt weiterhin, nur in und zwischen gelben Zonen darf man sich einigermaßen frei bewegen. 

          Ein anderes Vorgehen als in Deutschland

          Ein Vorgeschmack auf noch mehr Freiheit zu Weihnachten und über den Jahreswechsel sind die jüngsten Lockerungen aber nicht. Im Gegenteil. Anders als in Deutschland sollen in Italien über die Feiertage zusätzliche Einschränkungen gelten. In der Woche vor Weihnachten und über den Jahreswechsel sollen grundsätzlich Reisen über die Grenzen der Provinz oder Region des Wohnortes hinaus verboten werden – also auch in und aus den gelben Zonen mit gemäßigtem Risiko.

          Nur die Heimkehr zum Wohnort ist erlaubt. Damit sind Besuche bei der Verwandtschaft oder bei Freunden nur erlaubt, wenn diese in derselben Region wohnen und wenn diese Region als gelbe Zone ausgewiesen ist. Restaurants und Kaffeebars sollen im ganzen Land an den beiden Weihnachtsfeiertagen und auch an Silvester geschlossen bleiben. 

          Die Regierung empfiehlt, Weihnachten daheim und nur im engsten Familienkreis zu feiern: Den „cenone“, den traditionellen Festtagsschmaus der Familien einschließlich Großeltern und Enkeln, soll es in diesem Jahr nicht geben. Derzeit wird noch diskutiert, ob höchstens acht oder nur sechs Personen am Tisch im Ess- oder Wohnzimmer sitzen dürfen.

          Fremdenverkehrsvertreter finden kein Gehör

          Eine Verkürzung der Ausgangssperre zu Weihnachten ist bisher nicht geplant, stattdessen soll die Christmette von Mitternacht auf 22 oder besser noch auf 21 Uhr vorverlegt werden. Knallkörper für Silvester dürfen zwar verkauft werden, aber Ansammlungen auf Straßen und Plätzen fürs private Feuerwerk sind verboten. Bürgermeister sind befugt, „versammlungsanfällige“ Quartiere in ihren Städten und Gemeinden ganz zu sperren. 

          Auch beim Streit über das Skifahren bleibt Rom bei seiner harten Linie. Hotels dürfen in gelben Zonen zwar öffnen (wenn auch nur für Besucher aus derselben Region), aber Seilbahnen und Skilifte müssen bis zum 10. Januar geschlossen bleiben. Da Ministerpräsident Giuseppe Conte sein angestrebtes Ziel einer europaweiten Schließung der Skigebiete bis über Epiphanias am 6. Januar hinaus nicht erreichen dürfte, sollen italienische „Fremdfahrer“ in Skigebieten in der Schweiz und in Österreich bei der Heimkehr für volle zwei Wochen in Quarantäne.

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          Wenn nicht alles täuscht, werden Regierungen und Fremdenverkehrsvertreter der sechs Regionen im Norden Italiens, die eine Öffnung der Skigebiete noch vor Weihnachten fordern, in Rom kein Gehör finden. Sie argumentieren, dass das Skifahren als Individualsport im Freien grundsätzlich kein erhöhtes Infektionsrisiko darstelle. Und dass man sich in einer „Aufstiegsanlage“ wie einer Seilbahn oder einem Sessellift bei reduzierter Fahrgastzahl, dazu mit Hygieneabstand und mit Mund-Nasen-Schutz, einem geringeren Ansteckungsrisiko aussetze als im Bus, in der Bahn oder im Flugzeug, wo sich die Fahrgäste zudem viel länger aufhielten. Und dass es Après-Ski und überfüllte Skihütten ohnedies nicht geben werde.

          In Rom aber beharrt man darauf, dass man die „Fehler vom August“ während der ungezügelten Sommerferien nicht wiederholen dürfe, denn diese hätten direkt zur zweiten Infektionswelle geführt. Dem halten die Befürworter des Winterurlaubs entgegen, dass die zweite Welle erst durch die Rückkehr in den Alltag, in überfüllte Nachverkehrsmittel und in schlecht belüftete Schulen im September ausgelöst worden sei: Die Zahl der Ansteckungen sei schließlich erst Mitte Oktober rasant angestiegen. 

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