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Lockerungen in Spanien : Frische Luft nach Stundenplan

Pendler tragen Gesichtsmasken zum Schutz vor Coronaviren auf einem Bahnsteig des Bahnhofs Atocha in Madrid. Bild: dpa

Spanien beginnt bald damit, seine äußerst strengen Corona-Regelungen zu lockern. Dann dürfen auch Kinder endlich wieder vor die Tür – je nach Alter aber nur zu bestimmten Uhrzeiten.

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          Die spanischen Kinder können Hoffnung schöpfen. Nach sechs Wochen Quarantäne dürfen sie vom nächstem Montag an, dem 27. April, wenigstens wieder einen Sprung an die frische Luft unternehmen. Spanien beginnt damit, die Ausgangsbeschränkungen zu lockern, die seit dem 14. März in Kraft sind. Nirgendwo in der westlichen Welt sind sie so streng. Die Kinder dürften bald wieder einen „Augenblick“ vor die Türe, kündigte Ministerpräsident Pedro Sánchez am Samstagabend an, ohne nähere Einzelheiten zu nennen. Für viele Familien war das ein kleiner Hoffnungsschimmer, auf den jedoch gleich ein neuer Schatten fiel. Denn Sánchez will den geltenden Alarmzustand bis zum 9. Mai verlängern. Das bedeutet, dass die meisten Spanier weiterhin die meiste Zeit zu Hause bleiben müssen. Spanien ist das letzte europäische Land, das zaghaft die ersten Schritte für ein Exit-Szenario verkündet. Das liegt vor allem an den Zahlen, die sich nur langsam bessern.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Am Sonntag wurden innerhalb von 24 Stunden nur noch 410 Corona-Tote gemeldet; so wenige wie zuletzt am 22. März. Am Samstag waren es 565 und Anfang April an einem Tag 950 Todesfälle. Insgesamt starben in Spanien mehr als 20.000 Menschen an den Folgen von Covid-19. Wegen der jüngsten Umstellung der Zählweise gibt es jedoch Kritik an der Verlässlichkeit der Zahlen aus dem spanischen Gesundheitsministerium, die in Wirklichkeit viel höher sein könnten. In den nächsten Tagen beginnen die Tests für eine landesweite Studie mit mehr als 60.000 Spaniern. Sie soll endlich mehr Klarheit darüber bringen, wie viele infiziert und möglicherweise immun sind; bis Sonntag wurde der Erreger bei 196.000 Menschen nachgewiesen.

          Ursprünglich wollte das Gesundheitsministerium in Madrid erst die Ergebnisse der Studie abwarten, um dann über mögliche Lockerungen zu entscheiden. Doch immer mehr Regionalregierungen werden ungeduldig – vor allem mit Blick auf die Kleinsten. Selbst in Italien, das es noch härter getroffen hat, dürfen Kinder mit einem ihrer beiden Eltern in der Nähe der Wohnung nach draußen, wenn sie einen Sicherheitsabstand zu anderen Menschen einhalten. Besonders in Katalonien wächst seit einiger Zeit die Unzufriedenheit mit dem kompromisslosen Kurs der Zentralregierung in Madrid: Man könne den Kindern nicht erklären, weshalb seit der vergangenen Woche viele Spanier wieder arbeiten gehen dürfen und sie immer noch zu Hause bleiben müssen, heißt es aus Barcelona.

          Kinder bis sechs Jahren dürfen von zwölf bis 14 Uhr nach draußen

          Der katalanische Regierungschef Quim Torra brachte am Sonntag in die Videokonferenz der Regionalpräsidenten mit Pedro Sánchez einen Zeitplan für die Zukunft mit. In Begleitung ihrer Eltern wären demnach von zwölf bis 14 Uhr Kinder im Alter bis zu sechs Jahren an der Reihe, von 16 bis 18 Uhr die Altersgruppe zwischen sechs und 16 Jahren und von 18 bis 20 Uhr Jugendliche, die älter sind als 16 Jahre. Die Kinder sollten Gesichtsmasken tragen und Aufzüge meiden.

          Mehrere Regionalpräsidenten verlangen darüber hinaus, dass Erwachsene wieder einzeln draußen Sport treiben dürfen; auch das ist in Spanien bisher verboten. Debattiert wird mittlerweile auch darüber, ob Senioren wenigstens einen kleinen Spaziergang machen dürfen. Bisher hatte die Zentralregierung darauf gepocht, dass alle Corona-Maßnahmen für ganz Spanien gelten und dabei das Gesundheitsministerium in Madrid das letzte Wort behält. Doch auch im Baskenland, in den autonomen Regionen von Madrid und Valencia sowie in Andalusien wuchs zuletzt der Unmut über diesen Zentralismus.

          Das lag besonders daran, dass die Zentralregierung die Regionen nicht mit dem versprochenen medizinischen Material belieferte. Nach ihrer Ansicht hat die „homogene“ Anwendung der strengen Vorschriften des Alarmzustands aber dazu beigetragen, das Virus einzudämmen. Der beratende wissenschaftliche Ausschuss hält es jetzt für möglich, in der nächsten Phase „asymmetrisch“ vorzugehen.

          Dabei könnte es bald nicht mehr nur um Kinder und Senioren gehen. So fordert die balearische Regionalregierung bisher vergeblich eine Lockerung, die dabei helfen könnte, dass auf den Inseln der überlebenswichtige Tourismus wieder in Gang kommt. Zur Begründung heißt es, die Abschottung der Balearen habe dazu beigetragen, dass dort die Zahl der Infizierten und Verstorbenen deutlich niedriger ist als zum Beispiel in der Region von Madrid und in Katalonien.

          Die Schule soll erst nach den Sommerferien wieder beginnen

          Den Plan von Erziehungsministerin Isabel Celaá, wonach bis auf wenige Ausnahmefälle keiner der mehr als acht Millionen Schüler in Spanien in diesem Schuljahr sitzenbleiben werde, haben vier Regionalregierungen abgelehnt. Die Ministerin deutete auch an, dass die Zentralregierung keinen Druck auf die Regionen ausüben werde, die Schulen noch in diesem Schuljahr, das im Juni endet, wieder zu öffnen. Die wichtigsten Berater der Regierung in Madrid haben sich dafür ausgesprochen, den Unterrichtsbetrieb erst nach den regulären Sommerferien, also im September, aufzunehmen.

          Im Nachbarland Portugal hat die Regierung längst entschieden, dass Schüler bis zur zehnten Klasse in diesem Schuljahr nicht mehr in ihre Klassenzimmer zurückkehren werden. Anders als die gleichaltrigen Spanier durften sie auch während des geltenden Notstands vor die Tür. Bis Sonntag wurden in dem Land mehr als 20.000 Infektionen nachgewiesen und 714 Corona-Tote registriert. Trotzdem will die Regierung einen Teil ihrer Notmaßnahmen bald lockern. Vom 2. Mai an sollen voraussichtlich kleinere Läden, Friseursalons und Kindergärten wieder öffnen. In der bevorstehenden Badesaison müssen sich die Portugiesen jedoch auf neue Einschränkungen gefasst machen. Ministerpräsident António Costa kündigte am Wochenende an, im Sommer den Zugang zu den Stränden und die Zahl der Badegäste zu beschränken.

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