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Johnsons Pläne : Kommt die Covid-Pille?

Boris Johnson am Mittwoch im Unterhaus Bild: Uk Parliament/Jessica Taylor/PA Media/dpa

Der britische Premierminister will den Bürgern mit Hilfe von Impfpässen das Reisen erleichtern. Von Herbst an soll es darüber hinaus eine Pille gegen die Covid-Infektion geben.

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          Lange Zeit hat Boris Johnson die Forderung nach Impfpässen zurückgewiesen; dies sei „nicht die Art, wie man Dinge in diesem Land macht“, pflegte der britische Premierminister zu sagen. Jetzt rückt der Einsatz eines solchen Dokuments immer näher. Schon im kommenden Monat will die Regierung geimpften Bürgern zertifizierte Nachweise zugänglich machen, zunächst, um das Reisen zu vereinfachen. Das hat das Verkehrsministerium Reiseunternehmen gegenüber versichert.

          Jochen Buchsteiner
          Politischer Korrespondent in London.

          Seit Anfang des Jahres sind Urlaubsreisen ins Ausland „illegal“, aber das wird sich wohl ab Mitte Mai ändern. Die Impfpässe, heißt es, sollen vor allem die Einreise in andere Länder erleichtern. Erste Urlaubsländer, darunter Spanien und Griechenland, haben schon angekündigt, die Quarantänepflichten für Touristen abzuschaffen, die ihren Impfstatus offiziell nachweisen können.

          Johnson gründet Taskforce

          Das Haupthindernis fürs Reisen liegt nach wie vor in Großbritannien selbst: die Pflicht zu einer zehntägigen Quarantäne und teure Zwangstestpakete für Rückkehrer. Seit einigen Tagen steigt allerdings der Druck auf die Regierung, das Regime zu ändern. Abgeordnete fordern, die Isolationspflicht zu lockern und Tests kostenfrei anzubieten. Auch die Abfertigung der mit Corona-Dokumenten bewaffneten Rückkehrer an den Flughäfen soll besser organisiert werden. Laut Zeitungsberichten ist geplant, Testergebnisse und Einreiseerklärungen digital auf den Reisepässen zu speichern, um so, vermutlich ab August, die automatische Passkontrolle wieder in Betrieb nehmen zu können.

          Trotz der Lockerung am 12. April – Geschäfte sind seither wieder offen, ebenso die Außenflächen von Pubs und Restaurants – gehen die Neuinfektionen weiter zurück. Ihre Zahl ist auf 17.000 in der Woche gesunken; in Deutschland sind es fast 30.000 am Tag. Die Zahl der täglichen Toten liegt bei etwas über 20, Tendenz weiter fallend. Schon seit März ist Covid laut dem Nationalen Statistikbüro als wichtigste Todesursache von Herzerkrankungen abgelöst worden. Der nächste Öffnungsschritt ist für den 17. Mai angekündigt. Dann dürfen Pubs und Restaurants auch innen bedienen, Kinos und Theater können unter Auflagen öffnen, und den Bürgern wird erlaubt sein, bis zu fünf andere Personen in Privaträumen zu treffen.

          Trotz der Erfolge, zu denen auch das rasch entfaltete Impfprogramm beiträgt, kündigte Johnson in dieser Woche eine (neben den Impfungen und Massentests) „dritte Verteidigungslinie“ gegen das Virus an. Ab Herbst sollen Pillen oder Kapseln erhältlich sein, mit denen positiv Getestete zu Hause eine schwere Covid-Erkrankung stoppen können. Eine neugegründete „Antivirals Taskforce“ soll die Entwicklung eines wirksamen Medikaments vorantreiben.

          Labour sucht nach Angriffspunkten

          Johnson begründete den Vorstoß mit der „wissenschaftlichen Mehrheitsmeinung“, dass eine neue Corona-Welle im Herbst nicht zu verhindern sei. Forscher im Königreich sprachen von einer großen Herausforderung und äußerten sich skeptisch über den von Johnson genannten Zeitpunkt. Einige merkten allerdings an, dass das Haupthindernis bei der Entwicklung antiviraler Medikamente mangelnde Unterstützung sei, weshalb sie die Sonderarbeitsgruppe und deren finanzielle Ausstattung begrüßten.

          Die Anerkennung, die Johnson derzeit für sein Pandemie-Management genießt, bringt derweil die Labour Party in die Defensive. In Umfragen lag sie zuletzt 17 Prozentpunkte hinter den Tories, was sie ängstlich auf die Kommunalwahlen in zwei Wochen blicken lässt. Unlängst erlebte der Labour-Vorsitzende Keir Starmer eine PR-Katastrophe, als er vor laufenden Kameras aus einem Pub geworfen wurde. Der Wirt empörte sich, dass die Opposition die strengen Regierungsmaßnahmen, die vor allem auch die Gastronomie getroffen haben, nicht kritisierte, sondern eher Verschärfungen fordert.

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          Starmer versucht nun, Johnson an anderer Stelle anzugreifen. Im Unterhaus hielt er dem Premierminister am Mittwoch „Filz“ vor, weil er den britischen Staubsaugerfabrikanten James Dyson im Frühjahr zu einer Notproduktion von Atemgeräten überredet und dafür per Textnachricht Sonderbedingungen zugesichert hatte. Das Unternehmen, das mittlerweile in Singapur sitzt, hatte Schatzkanzler Rishi Sunak um eine Garantie gebeten, dass nach England entsandten Mitarbeitern keine steuerlichen Nachteile entstehen.

          Als die Antwort ausblieb, hakte Dyson bei Johnson persönlich nach. Kurz darauf textete der an Dyson, dass Sunak das Problem „gelöst“ habe. „Wir brauchen Sie hier!“ Starmer empörte das, aber Johnson parierte den Vorwurf denkbar gelassen. Er werde sich nicht dafür entschuldigen, als Premierminister in einer nationalen Notlage „Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt“ zu haben, sagte er.

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