https://www.faz.net/-gpf-9y4n7

Corona-Pandemie : Tote auf Ecuadors Straßen

Ein Bestatter neben seinem Wagen in der Hafenstadt Guayaquil Bild: Reuters

Ecuador weist im lateinamerikanischen Vergleich eine sehr hohe Zahl an Corona-Fällen auf. Der Kollaps des Bestattungswesens in der größten Stadt Guayaquil sorgt für schreckliche Zustände.

          2 Min.

          Tote, die auf Gehsteigen oder tagelang in Wohnungen liegen, mit Leichen überfüllte Räume in Krankenhäusern: Die Bilder aus der ecuadorianischen Metropole Guayaquil, die in den vergangen Tagen in den Medien und sozialen Netzwerken kursierten, schrecken auf. Die Corona-Krise hat die Bestattungsdienste der größten Stadt Ecuadors zum Kollabieren gebracht. Alleine zwischen Donnerstag und Dienstag wurden laut Angaben der Polizei über 550 Todesfälle gemeldet – ein neuer Rekord. Am Dienstag wuchs die Warteliste von Leichen, die noch nicht abtransportiert werden konnten auf über 400 an. Die Stadtverwaltung von Guayaquil setzt inzwischen Kühlcontainer ein, um die Körper bis zu ihrer Beisetzung zu lagern. 

          Tjerk Brühwiller

          Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          Die Situation hat zu politischen Spannungen zwischen der Bürgermeisterin von Guayaquil, Cyntia Viteri, und der Regierung von Präsident Lenín Moreno geführt. Viteri, die sich mit dem Coronavirus angesteckt hat und in Quarantäne befindet, macht die Regierung in Quito für die Zustände verantwortlich. Die Regierung von Präsident Lenín Moreno hat vor kurzem eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die sich ausschließlich dem Problem in Guayaquil widmet. In einem Interview sagte der für die Provinz Guayas zuständige Militärkommandant, dass noch vor dem Wochenende alle Leichen in Guayaquil beigesetzt würden. 

          Ecuador sticht im lateinamerikanischen Vergleich hervor

          Längst nicht alle Todesopfer in Guayaquil sind an den Folgen des Coronavirus gestoben, doch die Zunahme der Sterbezahl in den vergangenen Tagen lässt auf einen signifikanten Anteil schließen. Das wiederum weckt Zweifel an den offiziellen Zahlen. Offiziell zählte Ecuador am Mittwoch 2758 Infizierte und 98 Todesfälle durch das Coronavirus. Rund zwei Drittel der Fälle wurden in Guayaquil registriert. Allerdings sind inzwischen alle Provinzen des Landes betroffen, sogar die Galapagosinseln. Selbst wenn die Zahl der Todesopfer noch höher ist, sticht Ecuador im lateinamerikanischen Vergleich hervor: Das relativ kleine Land zählt nach Brasilien die zweitmeisten Todesopfer in der Region. Dabei ist die Bevölkerung mit gut 17 Millionen Einwohnern rund zwölfmal kleiner als jene Brasiliens. Einige bezeichnen Ecuador bereits als das „Italien Lateinamerikas“. 

          Epidemiologen führen die auffallend hohe Zahl von Infizierten und Toten pro Einwohner in Ecuador auf mehrere Umstände zurück. Ecuador hat einen sehr starken Bezug zu Spanien, eines der am stärksten betroffenen Länder in Europa. Laut der ecuadorianischen Botschaft in Madrid leben mehr als 400.000 Ecuadorianer in Spanien, womit sie die größte lateinamerikanische Einwanderergruppe bilden. Es war auch eine in Spanien wohnhafte Ecuadorianerin, die in Guayaquil als Erste positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Die 71 Jahre alte Frau ist inzwischen an den Folgen der Viruserkrankung verstorben, ebenso ihre Schwester. Weil sich die Patientin nicht an die Quarantäne gehalten hat, haben sich zahlreiche Personen aus dem sozialen Umfeld der Frau ebenfalls angesteckt.

          Maßnahmen werden nicht ernstgenommen

          Hier liegt laut Experten das zweite Problem: Obwohl Ecuador zu den ersten Ländern Lateinamerikas gehörte, das seine Grenzen schloss, Flüge ins Ausland einstellte und andere rigorosen Maßnahmen ergriff, breitete sich das Virus scheinbar ungehindert aus. Zum einen ist davon auszugehen, dass es in Ecuador eine große Anzahl von symptomlosen Fällen gab. Zum anderen wird das Problem auch in der Bevölkerung kaum gesehen, die die Restriktionen der Behörden zu wenig ernst nahm. Leute, die aus dem Ausland kamen, hielten sich nicht an die Weisung, zu Hause zu bleiben.

          Die Online-Flatrate: F+
          FAZ.NET komplett

          Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln. Bleiben Sie umfassend informiert, für nur 2,95 € pro Woche.

          Jetzt 30 Tage kostenfrei testen

          „Wir streiten die ernste Situation in Ecuador nicht ab“, sagte Gesundheitsminister Juan Carlos Zevallos, der sein Amt vor wenigen Tagen von seiner zurückgetretenen Vorgängerin übernommen hat, in einem Interview mit der BBC. „Aber es muss klar sein, dass wir zu den ersten auf dem Kontinent gehörten, die die strengsten Maßnahmen zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie in der Region ergriffen haben.“ Das Verhalten der Menschen sei jedoch nicht ideal gewesen, was zu einer ernsthaften Verbreitung geführt habe.

          Inzwischen hat Ecuador die Maßnahmen weiter verschärft. Die Ausgangssperre wurde ausgedehnt. Zudem wird Personen, die sich nicht an die Quarantäne halten, mit harten Strafen gedroht. Fast tausend Personen wurden bereits festgenommen.

          Weitere Themen

          Warum die Zahlen in Spanien wieder ansteigen

          FAZ Plus Artikel: Corona-Krise : Warum die Zahlen in Spanien wieder ansteigen

          Nirgendwo in Westeuropa gibt es so viele Neuinfektionen wie in Spanien – und das, obwohl nahezu überall Maskenpflicht herrscht und die Behörden wieder Ausgangssperren verhängen. Nun warnt das Auswärtige Amt auch vor Reisen nach Madrid.

          Topmeldungen

          Corona-Krise : Warum die Zahlen in Spanien wieder ansteigen

          Nirgendwo in Westeuropa gibt es so viele Neuinfektionen wie in Spanien – und das, obwohl nahezu überall Maskenpflicht herrscht und die Behörden wieder Ausgangssperren verhängen. Nun warnt das Auswärtige Amt auch vor Reisen nach Madrid.
          Mike Pompeo und seine Frau Susan bei der Ankunft am Prager Flughafen am 11. August

          Zum Auftakt der Europareise : Pompeo erhält eine deutliche Botschaft

          Der amerikanische Außenminister besucht in dieser Woche vier europäische Länder. Es geht um Truppenstationierungen und um China. Gleich zu Beginn kommt aus Moskau deutliche Kritik: vom deutschen Außenminister.

          Putins Corona-Politik : Der Impfstoff-Murks aus Moskau

          Putin hat mit der Zulassung des weltweit ersten Corona-Impfstoffs vielleicht seinen Sputnik-Moment, doch Sektkorken knallen keine. Das rücksichtslose politische Manöver kann der Impfstoffentwicklung weltweit schaden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.