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Corona-Pandemie in Israel : Gegen das Virus, für die Heilige Schrift

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu Anfang September in einer Schule in Mevo Horon Bild: dpa

Die Zahl der Corona-Neuinfektionen im Verhältnis zur Bevölkerung ist in Israel derzeit die höchste der Welt. Trotzdem ist der Kampf gegen die Pandemie für Ministerpräsident Netanjahu innenpolitisch heikel.

          2 Min.

          Wer das letzte Wort im Kampf gegen Corona hat, ist in Israel eine offene Frage. Es ist nicht der Pandemiebeauftragte Ronni Gamzu, der seit Tagen schon einen Lockdown für besonders betroffene „rote“ Gegenden fordert, in denen die Seuche nunmehr grassiert wie noch nie. Bei diesen Orten handelt es sich um von Ultraorthodoxen oder arabischen Israelis bewohnte Gebiete. Vergangene Woche hatte das Kabinett unter Führung des Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu eigentlich beschlossen, für diese Gebiete von Montag an Ausgangssperren zu verhängen, Schulen zu schließen und die Zufahrten abzuriegeln. Sodann griffen ultraorthodoxe Meinungsführer zunächst Gamzu an, der sagte, „ich bin unter koordinierte Artillerie der ultraorthodoxen Gesellschaft geraten, die kein Mensch aushalten kann“.

          Jochen Stahnke
          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Am Kabinettsbeschluss wurde solange festgehalten, bis Bürgermeister aus vier wichtigen ultraorthodoxen Städten Netanjahu direkt angriffen. Sie warfen ihm vor, „das Thora-Leben“ und den „Respekt für die Tradition der Mehrheit der jüdischen Einwohner dieses Landes“ mit Füßen zu treten, zumal kommende Woche das Neujahrsfest gefeiert wird. „Wir sehen Sie (Netanjahu) als den einen und einzigen Schuldigen an“, schrieben sie und drohten damit, jede Zusammenarbeit mit der Regierung in Corona-Angelegenheiten einzustellen.

          Israelischer Pandemiebeauftragter Ronni Gamzu
          Israelischer Pandemiebeauftragter Ronni Gamzu : Bild: dpa

          Sofort zog der säkulare Netanjahu zurück, der um die Bedeutung seiner ultraorthodoxen Koalitionspartner weiß, ohne die er im Angesicht seiner Korruptionsfälle kaum eine Regierungsoption hätte. Von Dienstag an sollte nun lediglich eine nächtliche Ausgangssperre in rund vierzig „roten“ Ortschaften gelten. So könnten zumindest Massenhochzeiten verhindert werden, die zuletzt als Infektionsherd identifiziert worden waren. Doch selbst diese Maßnahme konnte zumindest bis Montagabend nicht verabschiedet werden. Der Oppositionspolitiker und frühere Verteidigungsminister Avigdor Lieberman kam zum Schluss: „Netanjahu hat keine Angst vor Gott, nur vor dessen Stellvertretern in der Knesset.“

          Derweilen ist die Zahl der Neuinfektionen in Israel im Verhältnis zur Bevölkerung gerade die höchste der Welt – am Montag gaben die Behörden bekannt, dass derzeit mehr als jeder zehnte Corona-Test positiv verläuft. Die Ultraorthodoxen, die rund zwölf Prozent der Gesamtbevölkerung bilden, verlangen indes gleiches Recht für alle. Innenminister Arjeh Deri von der frommen Schas-Partei verlangte von Netanjahu, wenn es zu einem Lockdown kommen sollte, dann müsse er für das ganze Land gelten.

          Wie groß die Macht der Gottesfürchtigen ist, zeigte sich am Montag neuerlich, als die ultraorthodoxe Stadtverwaltung von Bnei Brak Gamzu einen offiziellen Besuch verwehrte, sofern dieser sich nicht für seine Kritik an Rabbiner Chaim Kaniewskij entschuldige. Gamzu hatte das geistige Oberhaupt der großen ultraorthodoxen Gemeinschaft der Litauer beschuldigt, die fromme Gesellschaft zu gefährden. Kaniewskij hatte zuvor angewiesen, Religionsstudenten dürften sich nicht auf das Coronavirus testen lassen, um das Studium der Heiligen Schriften nicht zu gefährden. Am selben Tag entschuldigte sich Gamzu tatsächlich: „Ich nehme zurück, was ich gesagt habe“, sagte er und erklärte, er „respektiere und bewundere“ den Rabbiner Kaniewskij.

          Noch hat Israels Corona-Beauftragter die Hoffnung nicht aufgegeben. Aber Rücktrittsgedanken treiben ihn bereits um.

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