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Corona-Notstand in Frankreich : „Wenn das so weitergeht, fahren wir gegen die Wand“

„Krankenhäuser im Endstadium“: Eine Angestellte im Gesundheitswesen bei Protesten in Paris Bild: dpa

In Pariser Kliniken werden immer mehr Intensivbetten von Corona-Patienten belegt. Nun aber wird das Personal knapp. Präsident Emmanuel Macron steht unter Druck – und ein Arzt schlägt Alarm.

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          Die Franzosen stehen vor neuen Einschränkungen ihrer Bewegungsfreiheit. Das war der Konsens, der am Dienstagabend aus Beratungen zwischen Präsident Emmanuel Macron, seiner Regierung und den wichtigsten Oppositionspolitikern durchsickerte. Ob die in weiten Teilen des Landes herrschende Ausgangssperre von 21 Uhr an früher anfangen soll, ob die Franzosen auch am Wochenende tagsüber das Haus hüten müssen oder ob nur lokal schärfere Maßnahmen verhängt werden, war am Dienstagabend allerdings noch offen.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Doch es herrscht Übereinstimmung, dass der Pandemie mit neuen Vorkehrungen begegnet werden muss. Denn die wichtigsten Kennziffern steigen auf beunruhigende Weise. Am Montagabend war die Zahl der Neuinfektionen zwar auf weniger als 27000 Fälle in den vorangehenden 24 Stunden gefallen; zum Vergleich: Am Sonntag waren noch 52.000 neue Ansteckungen gemeldet worden. Von Entspannung kann aber keine Rede sein. Die Zahl der Neuinfektionen im Sieben-Tage-Zeitraum liegt inzwischen bei mehr als 350 je 100.000 Einwohner. Die Zuwächse gehen nicht nur auf die Zahl der Tests zurück, die Frankreich gegenüber dem Frühjahr deutlich erhöht hat. Der Anteil der positiven Testergebnisse ist inzwischen auf 17,8 Prozent gestiegen.

          „Wir fahren gegen die Wand“

          So ist es nicht überraschend, dass die Lage in manchen Krankenhäusern wieder so angespannt ist wie bei der ersten Welle im Frühjahr. Die Zahl der ins Krankenhaus gebrachten Covid-19-Patienten verdoppelt sich derzeit etwa alle 15 Tage, die derjenigen, die auf Intensivstationen liegen, alle drei Wochen. „Die Lage hat sich seit März nicht geändert, sie hat sich sogar verschlechtert“, sagte Bertrand Martin, der Direktor des Krankenhauses Victor-Dupouy im Pariser Vorort Argenteuil mit 300 Ärzten und 2100 Krankenpflegern, der Tageszeitung „Parisien“. Der Sommer sei tatenlos verstrichen. Gesundheitsminister Olivier Véran weist die Kritik von sich. Die Zahl der Intensivbetten sei um 15 Prozent auf 5800 erhöht worden. Mehr Beatmungsgeräte, mehr Medikamente und mehr Schutzkleidung für das Personal seien ebenfalls vorhanden, sagte er vor einigen Tagen. Der Minister gestand allerdings ein, dass Operationen verschoben werden müssten, um Intensivbetten frei zu machen.

          Das ist inzwischen in größerem Umfang der Fall. Am Wochenende wies der Leiter der regionalen Gesundheitsbehörde im Großraum Paris, Aurélien Rousseau, die Krankenhausdirektoren an, Operationen, die nicht dringend sind, zu verschieben. Wenn die Pandemie nicht gebremst wird, sollen bis zu 60 Prozent der verschiebbaren chirurgischen Eingriffe auf einen späteren Zeitpunkt verlegt werden. Laut dem „Parisien“ berichtete ein Arzt in einer Whatsapp-Gruppe, dass in seinem Krankenhaus 15 Patienten auf dem Gang lägen. Das Personal sei müde, weil man bis um vier Uhr morgens Wache habe. „Wenn das so weitergeht, fahren wir gegen die Wand“, schrieb er. Die Bettenzahl allein zu erhöhen reicht zudem nicht, denn das Personal fehlt. Nicht wenige Mitarbeiter haben nach den anstrengenden Monaten im Frühjahr den Gesundheitsdienst verlassen. Auch die von der Regierung bewilligten Gehaltssteigerungen haben sie nicht halten können.

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