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Corona-Not in Ostmitteleuropa : Wenn die Ärzte alt oder emigriert sind

Mit Hilfe der Armee: In der Tschechischen Republik fehlen angesichts der europaweit höchsten Infektionszahlen die Ärzte. Bild: AP

In der Tschechischen Republik kollabiert wegen den Covid-19-Patienten das Gesundheitssystem. Wie in der Slowakei sind junge Ärzte in westlichere Länder ausgewandert. Die Älteren, die geblieben sind, gehören zur Risikogruppe.

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          Drei Ausrufezeichen setzte Milan Kubek hinter seinen Aufruf. Schnellstmöglich sollten tschechische Ärzte, die im Ausland arbeiteten, nach Hause zurückkehren, schrieb der Präsident der tschechischen Ärztekammer auf Facebook. In der Tschechischen Republik wurden zuletzt mehr als 1400 Corona-Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern in den vergangenen 14 Tagen gemeldet. Noch dramatischer sieht es bei den Corona-Toten aus. Vom vergangenen Mittwoch bis Montag starben jeden Tag zwischen 108 und 139 an Covid-19 erkrankte Menschen. Laut der europäischen Infektionsschutzbehörde ECDC hat die Tschechische Republik europaweit die mit Abstand höchste Todesfallinzidenz.

          Der Kammerpräsident Kubek musste sich dennoch schnell eingestehen, dass sein Aufruf fehlschlug. Nur 25 Mediziner seien ihm gefolgt, sagte Kubek jüngst der Tschechischen Presseagentur. Das sind verschwindend wenige: Der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zufolge arbeiten allein in Deutschland 908 und in Großbritannien 776 Ärzte, die in der Tschechischen Republik ausgebildet wurden.

          Glücksfall für deutsche Kliniken

          Doch wer sich umhört, begreift schnell, warum das Interesse an einer Heimkehr gering ist. Die tschechischen Ärzte und Pflegekräfte hätten den Aufruf erhalten, bestätigt etwa eine Kliniksprecherin in der Arberlandklinik in Zwiesel im Bayerischen Wald. Man sei zur Hilfe bereit, bisher habe aber keiner der Angesprochenen darum gebeten, freigestellt zu werden. „Zuerst wurden die Pendler ausgesperrt, jetzt sollen sie das Land retten“, schildert die Sprecherin den Ärger der tschechischen Mitarbeiter darüber, dass sie im Frühling, als Prag die Grenze schloss, als potentielle Infektionsherde dargestellt wurden. Zwiesel ist nur wenige Kilometer von der deutsch-tschechischen Grenze entfernt.

          Im Übrigen gehe es nicht um „irgendwelche Auswärtigen“. Dutzende tschechische Klinikmitarbeiter seien seit Jahren „fest integriert“ und würden in Zwiesel gebraucht. Die Ärzte aus der Tschechischen Republik seien in Zeiten, in denen Deutschland zu wenig medizinische Fachkräfte ausbilde, ein Glücksfall. „Von der Mentalität her sind uns die tschechischen Ärzte sehr nahe“, sagt die Sprecherin.

          Jan Alexa geht nicht so hart mit dem Aufruf ins Gericht wie viele Ärzte. „Es hilft nicht wirklich, aber schadet sicher nicht“, sagt der Analyst, der früher in der staatlichen Gesundheitsverwaltung der Tschechischen Republik gearbeitet hat. In einer Lage wie der gegenwärtigen stünde jedes Gesundheitssystem unter „Stress“. Doch die Krise enthüllt auch Strukturprobleme. Von den Absolventen der medizinischen Fakultäten wandere jedes Jahr rund ein Fünftel ins Ausland ab, sagt Alexa. Der Trend sei stabil. Mittlerweile ziehe es junge Ärzte stärker nach Großbritannien als nach Deutschland.

          Höhere Gehälter sind kein Allheilmittel

          Wenn so viele Mediziner fortgehen, führt das zu Überalterung. Laut einer Statistik sind vierzig Prozent der Ärzte in der Tschechischen Republik älter als sechzig. Auch ohne Corona ist das ein Problem, nun ist der Umstand aber umso brisanter. Ärztekammerpräsident Kubek sagte am Montag, dass derzeit 13.000 Ärzte und Pflegekräfte infiziert seien.

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