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Frankreichs Präsenzunterricht : Weil die Folgen sonst zu schwer sind

Ein Schulmitarbeiter verteilt im November 2020 Handdesinfektionsmittel an Schüler in Antibes. Bild: dpa

Frankreich hält seit Monaten am Präsenzunterricht unter strengen Regeln fest. Die Konsequenzen der zwischenzeitlichen Schulschließungen hatten das Land entsetzt. Eine Wiederholung will man unbedingt vermeiden.

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          Die Schneeballschlacht auf dem Schulhof ist ausgefallen. An vielen Schulen im Großraum Paris fand am Mittwoch kein Präsenzunterricht statt, weil die Behörden Lehrern und Kindern den Schulweg bei Minustemperaturen über vereiste Trottoirs und glatte Straßen nicht zumuten wollten. Doch Fernunterricht bleibt seit Schuljahresbeginn die Ausnahme. Trotz hoher Infektionszahlen geht Frankreich schon seit Monaten einen anderen Weg im Schulwesen als die deutschen Bundesländer.

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Mit einigem Stolz verweist Bildungsminister Jean-Michel Blanquer darauf, dass Frankreich das europäische Land sei, das auf die höchste Zahl von Präsenzunterrichtsstunden komme. Auch während des harten Lockdowns Ende Oktober blieben die Schulen offen. Die Schutzvorschriften sind streng. Schon Grundschüler müssen während des gesamten Schultages eine Schutzmaske tragen und dürfen auch auf dem Pausenhof nicht mit Kindern anderer Klassen spielen. Anfangs gab es Murren und Stöhnen, aber die meisten Kinder und Lehrer haben sich schnell an die Vorsichtsmaßnahmen gewöhnt.

          Schließungen als letzter Ausweg

          Schulschließungen sollten in der Pandemie die „ultima ratio“ bleiben, hob Blanquer hervor. Seinen Kurs hat er hartnäckig auch gegen Kritik aus dem Regierungskabinett verteidigt. Viele Eltern unterstützen ihn. Beifall kommt zudem von den Lehrerverbänden, die nach den Schulschließungen von März bis Mitte Mai entsetzt waren, was der Fernunterricht mit vielen Schülern gemacht hatte.

          Bei Kindern aus bildungsfernen Familien seien die Folgen am schlimmsten gewesen: Konzentrationsschwierigkeiten, Lernrückschritte bis hin zu Verhaltensauffälligkeiten, lautete die Bestandsaufnahme. Bürgermeister aus Brennpunktvierteln wiesen zudem daraufhin, dass für viele Kinder die einzige warme Mahlzeit am Tag durch die Schließung der Schulkantinen ausgefallen sei.

          Beim Ausbruch der Epidemie sah Frankreich keine andere Möglichkeit als auf digitales Lernen umzustellen, es mangelte an Masken und an Testkapazitäten. Damals schaute man voller Bewunderung nach Deutschland, wo von Anfang an mehr getestet wurde. Unter Hochdruck bauten die Franzosen ihre Testkapazitäten aus. Lehrkräften, Eltern und Schülern stehen inzwischen flächendeckende Testmöglichkeiten zur Verfügung. Beim geringsten Verdacht – der Hals kratzt, der Kopf schmerzt – kann man sich in den meisten Apotheken einem Antigen-Schnelltest unterziehen. Innerhalb von 15 Minuten weiß man, ob sich der Verdacht erhärtet.

          Auch für die zuverlässigeren PCR-Tests muss man nicht mehr Schlange stehen. Überall gibt es öffentliche Testzentren und private Laboreinrichtungen, die den PCR-Test ohne lange Wartezeiten anbieten. Das Ergebnis liegt spätestens 48 Stunden später als E-Mail vor oder kann am Testort abgeholt werden. Die Kosten werden von der staatlichen Krankenversicherung getragen.

          Als Schwachpunkt gelten Kantinen

          Den Beitragszahlern im Gesundheitssystem entstehen dadurch hohe Kosten, aber aus Sicht des Bildungsministers sind sie gut angelegt. Er verweist darauf, wie viel kostspieliger die langfristigen Folgen für die Gesellschaft wären, wenn durch lange Schulschließungen das Bildungsniveau einer ganzen Schülergeneration zurückfalle.

          Mit 2900 pro 100.000 Einwohner testet Frankreich mehr Menschen als in Deutschland, wo die Quote 1100 beträgt. Nach Auskunft von Gesundheitsminister Olivier Véran werden jeden Monat eine Million Kinder ab sechs Jahren und Lehrer getestet. „Wenn sich die Situation verschlimmert und wir eine deutliche Zunahme der Infektionen durch Virus-Mutanten bemerken, können wir uns von neuem die Frage nach Verschärfungen stellen“, sagte Véran kürzlich.

          Als Schwachpunkt gelten die Kantinen, wo die Kinder ihre Masken abnehmen. An vielen Schulen sind zusätzliche Speisesäle in den Sporthallen eingerichtet worden, um die Abstandsregeln besser einhalten zu können. Hallensport fällt ohnehin aus.

          Der Bildungsminister behält sich als letzte Option vor Schulschließungen die Möglichkeit offen, den Kantinenbetrieb zu suspendieren. Schon jetzt wird sofort gehandelt, sobald ein Infektionsfall in einer Klasse festgestellt wird. Alle Klassenkameraden müssen zu Hause bleiben und werden digital unterrichtet, bis alle Testergebnisse vorliegen. 900 Klassen sind derzeit betroffen, das entspricht 0,17 Prozent.

          „Wir haben keinen stichhaltigen Beweis, dass das Virus besonders aktiv in Klassenzimmern zirkuliert“, hebt der Bildungsminister hervor. Cluster würden viel häufiger in Altenpflegeheimen und in Krankenhäusern entdeckt. Dennoch kommt es ihm gelegen, dass demnächst im ganzen Land die Februarferien beginnen. Sollten sich die Mutanten weiter ausbreiten, könnten die Ferien verlängert werden.

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