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Erleichterungen für Geimpfte : Die ersten Hanteln stemmt Netanjahu selbst

Werben für das „Grüne Abzeichen“: Benjamin Netanjahu in einem Fitnessstudio in Petach Tikva Bild: dpa

In Israel beginnt die nächste Corona-Öffnungsphase – und Geimpfte und Genesene mit „Grünem Abzeichen“ können sogar wieder Fitnessstudios oder Kulturveranstaltungen besuchen. Der Ministerpräsident wirbt um Akzeptanz.

          3 Min.

          Die ersten Hanteln stemmte der Ministerpräsident selbst. Benjamin Netanjahu hatte sich in ein Fitnessstudio nach Petach Tikva begeben. Im schwarzen Polohemd bewarb er das „Grüne Abzeichen“, das geimpften oder von einer Covid-Infektion genesenen Israelis von Sonntag an den Besuch von Fitnessstudios, Schwimmhallen, Kulturveranstaltungen oder Hotels erlaubt. „Das Grüne Abzeichen wird das Land allmählich öffnen, bitte nutzt es“, sagte Netanjahu.

          Jochen Stahnke
          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Mit einem Reisedokument hat das Grüne Abzeichen vorerst nichts zu tun. Vielmehr handelt es sich um eine App des Gesundheitsministeriums, das die Impfdaten der Bevölkerung zentral gespeichert hat. Nach Eingabe der Personalausweisdaten erhalten Israelis, die seit mindestens einer Woche mit beiden Dosen geimpft sind, einen Barcode, der es möglich machen soll, per Scan Einlass zu den Freizeiteinrichtungen zu erhalten.

          Ab Sonntag gilt die App, doch am Wochenende brach das Onlineportal des Ministeriums immer wieder zusammen. Die Gesundheitsbehörden erlaubten deshalb den Zutritt zunächst auch mit einem simplen Impfzertifikat.

          Einkaufszentren, Märkte, Bibliotheken und Museen geöffnet

          In Israel hat die nächste Öffnungsphase am Ende des dritten sogenannten Lockdowns begonnen. Einkaufszentren und Märkte, Bibliotheken sowie Museen durften am Sonntag erstmals wieder für alle öffnen, jedenfalls in Gegenden mit als vertretbar erklärten Infektionszahlen sowie hohen Impfraten. Ähnliches gilt für Schulen, die nun auch in den Klassenstufen fünf und sechs sowie elf und zwölf wieder mit dem Unterricht im Klassenzimmer beginnen – sofern die Impfraten im entsprechenden Schulbezirk siebzig Prozent oder mehr betragen.

          Eine Israelin wird am 21.Februar in Dimona mit dem Impfstoff von Pfizer/Biontech geimpft.
          Eine Israelin wird am 21.Februar in Dimona mit dem Impfstoff von Pfizer/Biontech geimpft. : Bild: AP

          Kindergärten und Grundschulen haben in Gegenden mit niedriger Morbidität schon länger geöffnet. Mittelschüler dagegen müssen vorerst weiter zu Hause bleiben, von denen viele nun beinahe ein Jahr lang weitgehend aus der Ferne unterrichtet worden sind. Dass vor den Schulöffnungen in Israel die Einkaufszentren aufmachen, führte zu Protesten von Elternvertretungen. Am siebten März werde das Schulsystem in Israel grundsätzlich wieder geöffnet, versprach Gesundheitsminister Juli Edelstein, der das Impfen vor einigen Tagen bereits zur „moralischen Pflicht“ erklärt hatte.

          Fast ein Drittel der Bevölkerung hat bereits zwei Impfungen erhalten

          Eine breitere Diskussion darüber, ob die Regelung mit dem Grünen Abzeichen Ungeimpfte diskriminiere oder gegen etwaige Datenschutzbestimmungen verstoße, findet in Israel bisher nicht statt. Nur ein Verband der Fitnessstudio-Betreiber beklagte sich in einem offenen Brief beim Gesundheitsminister, dass die grüne Regelung eine „illegale und unmoralische Auswahl“ schaffe. Auch eine Verpflichtung für Arbeitgeber, von ihren Angestellten eine Impfung zu verlangen, gibt es bislang nicht.

          Annähernd ein Drittel der Bevölkerung Israels ist mittlerweile mit zwei Dosen geimpft worden, während 4,3 Millionen der gut neun Millionen Einwohner eine Erstimpfung erhalten haben. Der Corona-Beauftragte der israelischen Regierung Nachman Asch kritisierte den jüngsten Öffnungsschritt dennoch. Ein nächster, vierter Lockdown könne nicht ausgeschlossen werden, falls die Infektionsraten wieder ansteigen, warnte Asch am Sonntag. „Die Hälfte der Bevölkerung ist immer noch nicht immun.“

          Andere Mediziner hingegen hatten auf die hohe Impfrate der über fünfzig Jahre alten Bevölkerung verwiesen, von denen mehr als achtzig Prozent bereits geimpft sind. Da die Gefahr schwerer Covid-Krankheitsverläufe in diesem Bevölkerungssegment weit höher als beim Rest ist, lasse sich auch eine Öffnung rechtfertigen, sagte der Direktor des Tel Aviver Ichilov-Krankenhauses Ronni Gamzu. Am Sonntag fiel die Zahl der stationär behandelten Corona-Patienten auf 858. Die Reproduktionsrate sank auf 0.79. Die Impfungen wirken.

          Wann werden die Kinder geimpft?

          Das Gesundheitsministerium veröffentlichte Daten, wonach 96 Prozent der mit zwei Biontech-Dosen geimpften Israelis nicht mehr an Covid erkrankten. Einer weiteren vorläufigen Studie des Krankenhauses in Tel Hashomer zufolge habe sich schon nach Erstimpfungen von mehreren Tausend Angestellten die Zahl der symptomatischen Covid-Erkrankungen um 85 Prozent verringert.

          Nun richten sich die Blicke verstärkt auf die rund 2,8 Millionen Kinder bis zum Alter von 16 Jahren, die bislang nicht geimpft werden. Der Generaldirektor des Gesundheitsministeriums Hezi Levi sagte zuletzt, unter Kindern seien die Corona-Fälle um vierhundert Prozent im Vergleich zu den zwei vorherigen Monaten angestiegen. Das könnte an der britischen Mutante liegen, die nunmehr die meisten Neuinfektionen in Israel ausmacht, so Levi zum Portal ynet. „Wir sind noch nicht über den Berg.“

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