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Lockdown in Madrid : Abgeschnitten vom Rest der Welt

Polizisten überwachen die Einhaltung der neuen Maßnahmen gegen das Coronavirus. Bild: dpa

Europas Pandemie-Zentrum heißt Madrid. Knapp fünf Millionen Einwohner dürfen Spaniens Hauptstadt nur noch in Ausnahmefällen verlassen. Das weckt traumatische Erinnerungen.

          3 Min.

          Die Freiheit währte nur gut hundert Tage. Jetzt ist Madrid wieder weitgehend von der Außenwelt abgeschnitten. Erst im Juni endete der Alarmzustand. Nun ist das Virus zum zweiten Mal außer Kontrolle geraten und Madrid das europäische Zentrum der Pandemie. Knapp 4,8 Millionen Einwohner dürfen deshalb die Hauptstadtregion seit der Nacht zum Samstag nur verlassen, wenn sie triftige Gründe vorweisen können. Polizisten begannen am Wochenende, die Zufahrtsstraßen zu kontrollieren. Die Herausforderung ist immens. Jeden Tag pendeln mehr als zwei Millionen Menschen in das Ballungsgebiet.

          Hans-Christian Rößler
          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Die Beamten fragten vorerst nur nach dem Ziel und begnügten sich mit Ermahnungen. Doch bald drohen Geldstrafen zwischen 600 und 600.000 Euro für diejenigen, die sich nicht an die neuen Vorschriften halten: Nur wer nachweisen kann, dass er zur Arbeit, zur Universität, zum Arzt oder einem unaufschiebbaren Behördenbesuch unterwegs ist, darf sein Viertel verlassen. Auswärtige und Touristen dürfen nicht in die spanische Hauptstadt und neun weitere Orte der Region Madrid. Bilder vom internationalen Barajas-Flughafen und dem Atocha-Bahnhof zeigten nur wenige Reisende. Ein größerer Exodus aus der Stadt blieb offenbar aus. Die Einwohner dürfen auch ihre Zweitwohnungen im Umland nicht aufsuchen.

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          In der Hauptstadt und neun Nachbargemeinden der Region ging es ruhiger zu, ohne dass die Straßen verwaisten wie im Frühjahr. Während des ersten Lockdowns durften damals die Menschen nur in Ausnahmefällen ihre Häuser verlassen, die Schulen blieben geschlossen. Jetzt können sich die Madrider zumindest in ihren Vierteln bewegen – wenn auch mit neuen Einschränkungen. Geschäfte müssen um 22 Uhr schließen, Restaurants und Bars um 23 Uhr. Nur jeder zweite Tisch darf besetzt werden, die Tresen bleiben ganz geschlossen, die letzten Gäste werden nur noch bis 22 Uhr hereingelassen. Gastwirte schlagen Alarm, denn in Spanien wird traditionell viel später zu Abend gegessen als in Deutschland; viele Küchen öffnen erst um 21 Uhr. Auch für Gottesdienste und bei Trauerfeiern wurde die Teilnehmerzahl begrenzt.

          Angst vor dem Todesstoß

          Wochenlang hatte sich die konservative Madrider Regionalregierung gegen Forderungen des spanischen Gesundheitsministers Salvador Illa und führender Epidemiologen gewehrt, schneller und härter durchzugreifen. Regionalpräsidentin Isabel Díaz Ayuso klagte sofort gegen die Verordnung des spanischen Gesundheitsministeriums. Illa hatte vergeblich mit den 17 autonomen Regionen nach einer gemeinsamen Vorgehensweise für ganz Spanien gesucht. Doch Ayusos Regionalregierung stimmte am Ende gegen den Kompromiss. Sie wirft der spanischen Regierung vor, sie habe ihre Kompetenzen überschritten, da die autonomen Regionen wie Madrid für das Gesundheitswesen zuständig seien. Die spanische Linksregierung von Ministerpräsident Pedro Sánchez wolle mit den Maßnahmen Madrid „zerstören“. Wie auch der konservative Bürgermeister von Madrid fürchtet sie, dass ein zweiter Lockdown in diesem Jahr der Wirtschaft der spanischen Hauptstadt den Todesstoß versetzen könnte, worunter auch der Rest des Landes stark leiden würde.

          Zwischen der konservativen PP in Madrid und Sánchez’ Linkskoalition tobt seit Monaten ein erbitterter politischer Streit, der schon während der ersten Welle der Pandemie das gemeinsame Krisenmanagement erschwerte. In Madrid waren die Kliniken völlig überfordert, in den Altersheimen der Region starben tausende Senioren.

          Polizeifahrzeuge an einem Kontrollpunkt in Madrid
          Polizeifahrzeuge an einem Kontrollpunkt in Madrid : Bild: dpa

          Seit Wochen erinnert die Lage in Spaniens Hauptstadt immer stärker an das Frühjahr und weckt traumatische Erinnerungen. In den vergangenen sieben Tagen wurden fast 16.000 Neuinfektionen registriert. Das sind 234 Fälle pro 100.000 Einwohner – in einigen Vierteln sind es jedoch fast drei Mal so viele. In den Krankenhäusern liegen mehr als 3500 Covid-Patienten, mehr als 500 in den Intensivstationen. Zum Vergleich: In Berlin zählt man derzeit 37 Neuinfektionen (pro 100.000). Aber in Deutschland greifen schon ab 35 Fällen strengere Regeln. Dieser Grenzwert ist in ganz Spanien schon seit August überschritten, ohne dass viel geschah. Die spanischen Infektionszahlen sind zehn Mal so hoch wie in Deutschland.

          Der Kriterienkatalog der Verordnung des spanischen Gesundheitsministeriums sieht nun Maßnahmen wie in der Hauptstadt ab 500 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb von 14 Tagen vor (in Deutschland liegt der aktuelle Wert bei 32,4). Zudem müssen mehr als 10 Prozent der PCR-Tests positiv ausfallen und mehr als 35 Prozent aller Intensivbetten mit Covid-Patienten belegt sein. Große Teile von Madrid liegen weit darüber, ohne dafür gerüstet zu sein: Jetzt sollen Massentests und eine bessere Nachverfolgung Abhilfe schaffen. Doch es fehlt an Personal in Ambulatorien, Krankenhäusern und Gesundheitsämtern.

          Auch aus anderen spanischen Regionen kommen besorgniserregende Zahlen. Das gilt nach Navarra auch wieder für Katalonien, wo am Wochenende mehr als 2000 Neuinfektionen gemeldet wurden. Dagegen nähert sich auf den Kanaren die Fallzahl wieder dem Grenzwert von 50 Neuinfektionen, von dem an das deutsche Robert-Koch-Institut eine Region zum Risikogebiet erklärt. Dort hofft man, dass die deutsche Reisewarnung bald aufgehoben wird und die Touristen zurückkehren.

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