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Corona-Krise : Stillstand bis ins nächste Jahr?

In der Corona-Ambulanz der Klinik Bremen-Ost Bild: dpa

Wir seien im Krieg, sagt Macron. Das klingt maßlos übertrieben. Aber vielleicht hat er doch nicht ganz unrecht.

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          „Wir sind im Krieg“, hat Präsident Macron in einer Ansprache an die Nation festgestellt – oder, wem das zu martialisch ist – behauptet. „Der Feind ist schon da!“ Der Feind ist das Corona-Virus, Sars-CoV2. Um diesen Feind zu besiegen, hat Macron abermals weitreichende Einschränkungen des öffentlichen Lebens verkündet, darunter eine Art Ausgangssperre.

          Auch in anderen Ländern haben die Regierungen in den vergangenen Tagen mit drastischen Maßnahmen auf die schnell steigenden Infektionszahlen und die zunehmenden Todesfälle reagiert. In der Schweiz wurde der Notstand ausgerufen; dort wie in Spanien wird das Militär eingesetzt. Das Bundesland Bayern hat den Katastrophenfall erklärt, die Bundesregierung gab eine weltweite Reisewarnung heraus. Überall wird das öffentliche Leben zurückgefahren, ergehen Mahnungen, „soziale Distanz“ zu halten, um die Übertragungsketten zu verringern und zu unterbrechen.

          Die Folgen dieser Einschränkungen sind weitreichend, ja extrem, für viele kleinere, mittlere und sogar große Unternehmen sind sie existenzgefährdend. Es werden Schulen und Kindergärtern geschlossen. Die Herstellung bestimmter Produkte, zum Beispiel von Autos, wird eingestellt. Flug-, Zug- und Busverbindungen werden lokal, regional und global eingestellt. Einreisesperren werden verfügt. So etwas haben die allermeisten von uns noch nicht erlebt, nicht in Friedenszeiten. Sind wir also in einem Krieg, wie Macron sagt?

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          Es wird nicht wenige Zeitgenossen geben, welche diese Sprache für bombastisch halten oder einfach für übertrieben – für einen Ausdruck von fortschreitender Hysterie. Auch die Maßnahmen, die in vielen Ländern der Welt in immer schnellerer Folge und mit immer drastischerer Breitenwirkung ergriffen werden, halten viele für überzogen. Ziemlich gelassen hatte der amerikanische Präsident zunächst auf Covid-19 reagiert: Er hielt es für eine Marginalie, gar ein Störmanöver des politischen Gegners. Mittlerweile schlägt er einen anderen Ton an und warnt davor, sich in Gruppen von mehr als zehn Personen aufzuhalten.

          Ist der „Lockdown“ überzogen?

          Es könnte sehr gut sein, dass nicht die Skeptiker und diejenigen recht haben, welche das Krisenmanagement von Peking bis Wien und Berlin für (maßlos) überzogen und auch die Metapher des Kriegs für deplaziert halten, sondern diejenigen, die diese Sprache sprechen und beispiellose Maßnahmen verfügen, die zum „Lockdown“ führen.

          Dafür spricht nicht nur, dass sie den besten wissenschaftlichen Sachverstand zu Rate ziehen können – was dissidente Meinungen natürlich nicht ausschließt –, sondern dass Regierungen auf Krisenmodus geschaltet haben, die sich ansonsten in Herrschaftsform und Ideologie fundamental voneinander unterscheiden. Es ist jedenfalls fatal, die Gefährlichkeit des Corona-Virus noch immer zu unterschätzen.

          Und was ist eigentlich, wenn dieser „Krieg“ nicht in drei Wochen und auch nicht in drei Monaten zu Ende, also „gewonnen“ ist? Das „Covid-19 Response Team“ des Imperial College in London hat die potentiellen Folgen zweier unterschiedlicher Strategien für zwei Länder in einer Mikrosimulation berechnet, für Großbritannien und für die Vereinigten Staaten. Die Strategie, welche versucht, die Verbreitungsgeschwindigkeit des Virus zu drosseln, aber die Ausbreitung selbst nicht zu stoppen, werde den Tod von Hunderttausenden zur Folge haben und zu einer „Überwältigung“ der Gesundheitssystems führen.

          Die andere Strategie, die der „Suppression, hat das Ziel, das Wachstum der Epidemie umzukehren bei einer quasi dauerhaft geringen Zahl von Neuinfizierten. Sie ist die präferierte Option der Forscher – aber auch sie hat gravierende Kosten. Denn das öffentliche Leben könnte auf lange, lange Zeit stillstehen, solange, bis ein Impfstoff gegen das Virus verfügbar ist. Das könnte in 18 Monaten sein oder vielleicht noch später.

          Vielleicht sind es also doch Zeiten, in denen sich unser Leben und unsere Lebensstile ändern, wie die meisten es nur aus Kriegserzählungen kennen. So weiter machen wie bisher, bis eine sogenannte Seuchenimmunität erreicht ist, ist jedenfalls für viele eine todsichere Option, also keine!

          Klaus-Dieter Frankenberger
          Redakteur in der Politik.

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