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Corona-Krise in Spanien : Angst vor dem Zusammenbruch des Systems

Schwierige Stunden: Spaniens Ministerpräsident Pedro Sanchez während einer Kabinettssitzung per Videokonferenz Bild: Reuters

In Spanien dürfen nur noch Menschen tätig sein, deren Arbeit überlebenswichtig ist. Das soll den Kollaps des Gesundheitssystems verhindern. Und immer häufiger werden in den Kliniken massive Versäumnisse sichtbar.

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          Noch am Freitag war in der Kabinettssitzung keine Rede davon. Doch am Samstagabend zog Ministerpräsident Pedro Sánchez dann die Notbremse. Spanien folgt dem Beispiel Italiens und bringt die Wirtschaft praktisch zum Stillstand. Von diesem Montag an dürfen nur noch Unternehmen weiterarbeiten, die für die Versorgung des Landes lebenswichtig sind. Alle anderen Arbeiter müssen zu Hause bleiben. Die Totenzahlen, die unaufhaltsam steigen, ließen dem Regierungschef offenbar keine andere Wahl. Am Sonntag nahmen die Todesfälle um 838 auf insgesamt mehr als 6500 zu.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          „Ich kann Euch nur Opferbereitschaft und Widerstandsgeist anbieten“, sagte Sánchez am Samstagabend. Trotzdem bemühte er sich, den Schritt weniger drastisch wirken zu lassen. Er stellte ihn als einen verordneten Urlaub dar: Die betroffenen Angestellten erhalten weiter ihre Gehälter. Die zwei Wochen, die sie zuhause bleiben, müssen sie später nacharbeiten. Der Unternehmerverband CEOE warnte dennoch davor, dass der Stillstand „enorme und beispiellose Auswirkungen auf die spanische Wirtschaft“ haben werde.

          Bis zum Samstag hatte sich die Regierung der Forderung mehrerer Regionalpräsidenten widersetzt, die Ausgangssperre weiter zu verschärfen. Vor allem Sánchez’ Stellvertreterin, Wirtschaftsministerin Nadia Calviño, hatte das abgelehnt und als Gift für die bereits strauchelnde Wirtschaft Spaniens bezeichnet. Bisher durfte zum Beispiel auf Baustellen gearbeitet werden. Zwei Wochen lang begibt sich Spaniens Wirtschaft nun jedoch in eine Art Winterschlaf, um den Zusammenbruch des Gesundheitssystems zu verhindern. Noch weniger Menschen werden ihre Häuser verlassen und sollen auf diese Weise das Ansteckungsrisiko weiter verringern. Lebensmittelläden, Apotheken und Zeitungskioske bleiben geöffnet. Wer schon von zu Hause arbeitet, wird das auch weiterhin tun.

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          Die Entscheidung kam überraschend, ist aber nicht untypisch für den Regierungschef. In seine Überlegungen bezieht Sánchez höchstens eine Handvoll Vertraute ein. Dazu zählt jetzt auch der Direktor der Behörde für Gesundheitliche Notfälle, Fernando Simón, der jeden Tag auf einer Pressekonferenz die neuen Zahlen erläutert. Sánchez handle „hermetisch: Keiner weiß, welcher Meinung er ist, bis er sich entscheidet“, beschreibt ihn am Sonntag die Zeitung „El País“. Anders als unter seinem konservativen Vorgänger Mariano Rajoy legt seine Linksregierung aber großen Wert auf Kommunikation. Jeden Tag gibt es mindestens zwei Pressekonferenzen.

          Sánchez selbst sprach schon gut ein halbes Dutzend Mal zu den Bürgern – und zu seinen europäischen Partnern, von denen er spürbar enttäuscht ist. „Die Spanier haben Europa immer geschützt, heute muss die EU die Schwächsten schützen. Europa steht auf dem Spiel und darf nicht scheitern“, mahnt er. Sánchez selbst wirkt gealtert. Auch seine Familie hat das Virus nicht verschont: Seine Ehefrau wurde positiv getestet. Seine Mutter und sein Schwiegervater sind laut Presseberichten infiziert und liegen im Krankenhaus. Drei Ministerinnen haben sich mit dem Erreger angesteckt.

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