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Corona-Krise in Serbien : Die vermeidbare zweite Welle

Fans beim Pokalhalbfinale zwischen Roter Stern und Partisan Belgrad am 10. Juni. Bild: AP

Erst kontrollierte Serbien die Pandemie, nun kontrolliert die Pandemie Serbien. In mehreren Städten wurde der Notstand ausgerufen. Die Politik hat sich das allerdings selbst zuzuschreiben.

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          Serbien war auf einem guten Weg. Während Europa zu Jahresbeginn auf Italien, Spanien und Frankreich blickte, blieb es in dem Balkanstaat während der Corona-Pandemie recht ruhig. Zwar hatten die Verantwortlichen in Belgrad die Gefährlichkeit der Entwicklung zunächst verharmlost, doch im März sahen sie ein, dass es sich keineswegs „um das lächerlichste Virus der Menschheit“ handelt, wie ein Gesundheitsberater der Regierung noch im Februar öffentlich gespottet hatte. Strenge Vorsichtsmaßnahmen und eine weitgehende Aussetzung des gesellschaftlichen Lebens über mehrere Wochen hinweg trugen dazu bei, dass sich die Lage stabilisierte. Serbien schien die Pandemie so gut wie eben möglich unter Kontrolle gebracht zu haben. Doch inzwischen sieht es so aus, als kontrolliere nicht mehr Serbien die Pandemie, sondern die Pandemie Serbien.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Das hat nach allgemeinem Dafürhalten nicht zuletzt mit der serbischen Parlamentswahl am 21. Juni und den Entscheidungen der Behörden in den Wochen davor zu tun. Im Wahlkampf war das gesellschaftliche Leben in Serbien in einem Maße geöffnet worden, wie man es sonst auf dem Kontinent kaum sah. Ein erstaunlicher Höhe- oder Tiefpunkt der Entwicklung war die behördliche Genehmigung, sportliche Großveranstaltungen wieder mit Publikum zuzulassen. So kamen Anfang Juni je nach Quelle bis zu 25.000 Fans zum Pokalhalbfinale zwischen Roter Stern und Partisan Belgrad. Das waren zwar weniger als in anderen Jahren bei diesem Klassiker des serbischen Fußballs, aber unter den gegebenen Bedingungen nach Ansicht vieler Fachleute eben dennoch 25.000 Menschen zu viel.

          Zur Meisterschaftsfeier von Roter Stern kamen wenige Tage später noch einmal 10.000 Fans. Bei Serbiens Rekordmeister wurden kurz darauf fünf Spieler positiv getestet. Wie viele Fans sich im Stadion oder bei den Feiern ansteckten, ist ungewiss. Auch ein Tennisturnier in Belgrad (sowie in Zadar in Kroatien) fand vor vollen Rängen statt. Einer der Teilnehmer, der Weltranglistenerste Novak Djoković, wurde später positiv auf Corona getestet.

          Wie ein Punkrocker sprang der Minister von der Bühne

          Was die serbische Politik im Sport zuließ, lebte sie auch selbst vor. Bei einer bestens besuchten Wahlkampfveranstaltung in Novi Pazar, der größten Stadt im Südwesten Serbiens, sprang der langjährige Minister Rasim Ljajić im Stile eines Punkrockers von der Bühne in die dicht beieinanderstehende Menge und ließ sich von den Wogen der Begeisterung tragen. Nachdem die regierende „Serbische Fortschrittspartei“ die von großen Teilen der Opposition boykottierten Wahlen triumphal gewonnen hatte, kam es im überfüllten Hauptquartier der „Fortschrittlichen“ in Belgrad zu einer ausgelassenen Feier – traditioneller Kolo-Tanz, Küsschen und Umarmungen inklusive.

          Inzwischen liegen erste Rechnungen für eine Entwicklung vor, die man in anderen Ländern vielleicht als Öffnungsorgie bezeichnet hätte. So wurden die Parlamentspräsidentin, der Verteidigungsminister und der für das Kosovo zuständige Ressortchef positiv auf Corona getestet. Am Donnerstag wurden bei seit Tagen steigender Tendenz trotz mangelnder Testkapazitäten 359 neue Corona-Fälle innerhalb von 24 Stunden gemeldet. Zum Vergleich: In Deutschland meldeten die Gesundheitsämter zuletzt 446 neue Infektionen – nur hat Deutschland 82 Millionen Einwohner, Serbien dagegen kaum mehr als sieben Millionen.

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