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Corona-Krise auf Kuba : Schlimmer als die Pandemie

Eine Frau mit einer Packung Eier – im Hintergrund das Kapitol in Havanna Bild: dpa

In Kuba setzt die Regierung strenge Maßnahmen gegen Corona ein. Noch härter als die Pandemie trifft die Menschen jedoch die Lebensmittelkrise. Das Land schlittert in eine immer schwierigere Situation.

          5 Min.

          Für Anna ist Kuba seit einiger Zeit ein Albtraum auf Erden. Ihre Wohnung in der Altstadt von Havanna verlässt die alleinstehende Frau nur für die allernötigsten Besorgungen. Von ihrem Balkon sieht sie morgens schon lange Schlangen von Menschen, die vor Geschäften ausharren, um Lebensmittel und Seife einzukaufen. Anna, die in Wahrheit anders heißt, ist Ende fünfzig und zählt mit Bluthochdruck und Diabetes zur Risikogruppe. Vor wenigen Jahren haben Ärzte ihr einen Hirntumor entfernt. Seitdem hat die Kubanerin nicht nur Sehkraft verloren, sondern auch ihre Anstellung beim kubanischen Staat aufgegeben. Arbeiten kann sie nicht mehr. Auf staatliche Unterstützung hofft sie ebenso wenig. Ihr Antrag auf eine Rente werde nicht bearbeitet, sagt sie. Als Havanna vor vier Jahren die Regeln für Kleinunternehmer etwas lockerte, begann sie daher, einen Teil ihrer Wohnung an Touristen zu vermieten. „Eine Freundin sagte mir, dass Personen, die ihre Wohnung an Touristen vermieten, keine Hilfe vom Staat erhalten.“ Seit März hat sie nunmehr keinen Besucher aus dem Ausland empfangen. Jetzt erschöpft sich ihr Erspartes.

          Tjerk Brühwiller
          Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.
          Martin Franke
          Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET.

          So geht es vielen Kubanern. Die Corona-Krise hat das sozialistische Kuba voll erfasst. Gegen die Pandemie schlägt sich die Karibikinsel zwar bislang gut. Ähnlich wie in China fällt es auch der autoritären Regierung in Havanna leicht, Lockdowns und Maßnahmen wie Zwangseinweisungen in Corona-Isolationszentren durchzusetzen. Weder die Presse noch die Bevölkerung wagen, sich dagegen aufzulehnen. Hinzu kommt ein Gesundheitswesen, das schon vor der Revolution von 1959 zu den besten in Lateinamerika gehörte und den meisten anderen Ländern der Region bis heute weit überlegen ist.

          Wenngleich auch in Kuba nicht alle dieselbe medizinische Betreuung erhalten, kommen während der Pandemie einige Stärken des Gesundheitswesens zum Tragen: eine lückenlose Überwachung, das große Vertrauen der Bevölkerung in die staatlichen Krankenhäuser und eine so hohe Ärztedichte, dass das Land seine Ärzte gar weltweit zur „Miete“ anbieten kann. Das hat Kuba geholfen, die Zahl der Infektionen klein zu halten. Bisher wurden unter den rund elf Millionen Kubanern offiziell weniger als 7000 Fälle registriert, 128 mit Todesfolge. Und selbst an einem eigenen Impfstoff arbeiten die kubanischen Forscher. Im August haben klinische Tests mit dem Impfstoff „Soberana 01“ begonnen. Bei ersten Tests sollen die Probanden keine Nebenwirkungen gezeigt haben. Auch der russische Impfstoff „Sputnik V“ könnte Berichten zufolge auf der Insel produziert werden.

          Warteschlange mit Abstand: Vor den Lebensmittelläden des Landes warten die Kubaner auf Nahrungsmittel.
          Warteschlange mit Abstand: Vor den Lebensmittelläden des Landes warten die Kubaner auf Nahrungsmittel. : Bild: dpa

          Tagelanges Warten auf der Straße

          Doch ein Triumph des kubanischen Gesundheitswesens über die Pandemie reicht nicht. Denn er verhindert nicht, dass das Land in diesem Jahr in eine existentielle Wirtschafts- und Versorgungskrise abrutscht, die unter Ökonomen bereits mit der Depression nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verglichen wird. Schon vor der Pandemie war Kuba angeschlagen. Die Wirtschaftskrise in Venezuela, das Kuba über Jahre mit großzügigen Erdöllieferungen beschenkte, hat die Insel mit in den Sog gezogen. Hinzu kam eine härtere Sanktionspolitik Washingtons gegenüber dem Regime in Havanna. Bereits im vergangenen Jahr gab es Rationierungen von Lebensmitteln und anderen Gütern, die Kuba nicht mehr in ausreichendem Ausmaß importieren konnte, da die dafür notwendigen Devisen fehlten. Die sozialistische Karibikinsel ist von Importen abhängig, die rund achtzig Prozent des gesamten Konsums ausmachen. Nun stehen die Menschen mit ihrer „Libreta“, dem Rationierungsheftchen, das seit den Sechzigerjahren die Verteilung subventionierter Lebensmittel und anderer Güter regelt, wieder in der Warteschlange.

          Warten auf bessere Zeiten: Kuba im Oktober 2020
          Warten auf bessere Zeiten: Kuba im Oktober 2020 : Bild: dpa

          Der 32 Jahre alte Kubaner Juan, der seinen wahren Namen nicht nennen will, erzählt, dass die Situation während der ersten vier Monate in Quarantäne „sehr hart“ war. Die Regale seien ziemlich leer gewesen, viele Menschen hätten Tage auf der Straße gewartet, um zwei oder drei Kilogramm Hühnchen zu kaufen, so Juan. „Danach ließen sie dich erst nach 15 Tagen wieder rein.“ Juan, der studiert hat und nun für Menschen wie Anna, die ihr Haus selten verlassen, Essen kocht und Besorgungen erledigt, schildert, dass die Preise der Bauern und Fischer angestiegen seien und die Versorgung sich desaströs verschlimmert habe. Doch das Schlimmste, sagt er, seien die Dutzenden Geschäfte, in denen nur Menschen einkaufen könnten, die im Besitz von Dollar, Euro und anderen harten Währungen sind.

          Auch beim Spielen tragen viele Kinder eine Maske, wie hier in Wajay, einem Stadtteil im Süden von Havanna.
          Auch beim Spielen tragen viele Kinder eine Maske, wie hier in Wajay, einem Stadtteil im Süden von Havanna. : Bild: dpa

          Um an die dringend benötigten Dollars zu kommen, hat die Regierung im Juli staatlich betriebene Läden eröffnet, in denen Lebensmittel und Hygieneprodukte nicht in der Landeswährung verkauft werden. Die Kubaner kennen die Dollar-Läden aus den neunziger Jahren, als das Land nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in eine tiefe wirtschaftliche Krise fiel und den Dollar legalisierte. Nun funktionieren landesweit wieder Dutzende solcher Läden. Sie sollen dem Staat direkten Zugang zu Devisen sichern, die zum Import von Lebensmitteln und anderen Gütern benötigt werden. „Ich habe keine Möglichkeiten, in Dollar-Läden einzukaufen, weil ich keine Verwandten im Ausland habe, die mir Geld überweisen“, sagt Anna. Und Juan fragt: „Wo ist denn die Blockade, über die der Staat sich beschwert, wo doch die Regale in diesen Geschäften gut gefüllt sind?“ Bezahlt wird nicht in bar, sondern mit einer Karte, die entweder auf ein kubanisches Konto für Fremdwährungen läuft oder eine internationale ist – amerikanische ausgenommen.

          „Dollars und Euros, das ist das einzige, das den Staat interessiert“

          Für die meisten Kubaner, so glauben es Anna und Juan, stellen die Dollar-Läden keine Alternative zu den 5000 herkömmlichen staatlich betriebenen Läden dar, in denen die Regale karg geworden sind. „Möglicherweise gibt es Menschen, die die richtige Währung haben für diese Läden, das ist aber nicht die Mehrheit der Bevölkerung“, sagt Juan. Selbst wer Dollar besitze, bekomme dort nicht alle Produkte. Juan gibt sich enttäuscht vom kubanischen Staat. Zwar seien die Corona-Maßnahmen berechtigt, findet er. Die Einführung der Dollar-Läden verärgere hingegen ihn wie viele in der meist verarmten kubanischen Bevölkerung, glaubt er. „Dollars und Euros, das ist das einzige, das den Staat interessiert.“

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          Die Corona-Krise hat den Devisenmangel zusätzlich verschärft. Grund ist vor allem der Einbruch des Tourismus, der einer der wichtigsten Wirtschaftspfeiler ist, an dem viele direkte und indirekte Arbeitsplätze hängen, und zugleich eine unverzichtbare Quelle harter Währung. Über Monate wurden nur Einheimische und in Kuba wohnhafte Ausländer auf die Insel gelassen. Bloß auf den kleinen vorgelagerten Inseln in der Karibik funktionierte der Tourismus noch auf kleiner Flamme. Der internationale Flughafen von Havanna ist für kommerzielle Flüge weiterhin gesperrt. Unter dem Druck der Wirtschaftskrise hat die Regierung im Oktober die Beschränkungen gelockert und die Insel wieder für Touristen aus dem Ausland geöffnet. Seit Mitte Monat empfangen auch die Strandressorts im beliebten Touristenort Varadero wieder Gäste. Bereits im vergangenen Jahr waren die Tourismuseinnahmen zurückgegangen. Ein Faktor waren auch die Sanktionen Washingtons, die Kreuzfahrtschiffen aus den Vereinigten Staaten untersagten, die Insel anzusteuern.

          Außer dem Tourismus hat die Corona-Pandemie auch zu einem Rückgang von Überweisungen von Kubanern im Ausland an ihre Familien auf der Insel geführt. Viele sind selbst in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten. Die Dollars für den Einkauf in den Dollar-Läden werden dadurch knapper. Die Regierung in Havanna hat die Rechnung zudem nicht mit Washington gemacht. Kaum waren die Dollar-Läden offen, zog die amerikanische Regierung die Sanktionsschraube ein weiteres Mal an und veröffentlichte eine Liste von kubanischen Unternehmungen mit Verbindungen zur Armee, mit denen keine Geschäfte betrieben werden dürfen. Zu den betroffenen Unternehmen gehört unter anderem auch Fincimex, ein kubanisches Unternehmen, das unter anderem für Western Union die Überweisungen nach Kuba abwickelt. Aus Angst vor Sanktionen durch die Vereinigten Staaten haben inzwischen auch Finanzinstitute in Europa, die im Überweisungsgeschäft tätig sind, ihre Dienstleistungen für Transfers nach Kuba ausgesetzt.

          Emigration in die Vereinigten Staaten?

          Die wirtschaftliche Krise und die Sanktionen setzen der ältesten Diktatur Lateinamerikas mehr zu als die Corona-Pandemie. Dabei ist letztere trotz der erfolgreichen Eindämmung noch nicht ausgestanden – auch für Kuba nicht. Nachdem das Land schon fast den Sieg über das Virus erklärt und im Juli die Quarantäne gelockert hatte, kam es Anfang August zu einer Häufung von neuen Fällen. Ob bald die nächste Welle kommt, wenn nun wieder mehr Touristen ins Land kommen, ist ungewiss.

          Anna und Juan stellen sich auf schwierige Zeiten ein. „Das einzige, was man in Zukunft machen kann, ist zu emigrieren“, sagt Juan. 2019 erlebte das Land eine neue Ausreisewelle. Viele fliehen über Mittelamerika. Das Ziel der meisten: die Vereinigten Staaten. Für viele Migranten jedoch wird das Leben dort nicht besser.

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