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Corona-Krise auf Kuba : Schlimmer als die Pandemie

„Dollars und Euros, das ist das einzige, das den Staat interessiert“

Für die meisten Kubaner, so glauben es Anna und Juan, stellen die Dollar-Läden keine Alternative zu den 5000 herkömmlichen staatlich betriebenen Läden dar, in denen die Regale karg geworden sind. „Möglicherweise gibt es Menschen, die die richtige Währung haben für diese Läden, das ist aber nicht die Mehrheit der Bevölkerung“, sagt Juan. Selbst wer Dollar besitze, bekomme dort nicht alle Produkte. Juan gibt sich enttäuscht vom kubanischen Staat. Zwar seien die Corona-Maßnahmen berechtigt, findet er. Die Einführung der Dollar-Läden verärgere hingegen ihn wie viele in der meist verarmten kubanischen Bevölkerung, glaubt er. „Dollars und Euros, das ist das einzige, das den Staat interessiert.“

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Die Corona-Krise hat den Devisenmangel zusätzlich verschärft. Grund ist vor allem der Einbruch des Tourismus, der einer der wichtigsten Wirtschaftspfeiler ist, an dem viele direkte und indirekte Arbeitsplätze hängen, und zugleich eine unverzichtbare Quelle harter Währung. Über Monate wurden nur Einheimische und in Kuba wohnhafte Ausländer auf die Insel gelassen. Bloß auf den kleinen vorgelagerten Inseln in der Karibik funktionierte der Tourismus noch auf kleiner Flamme. Der internationale Flughafen von Havanna ist für kommerzielle Flüge weiterhin gesperrt. Unter dem Druck der Wirtschaftskrise hat die Regierung im Oktober die Beschränkungen gelockert und die Insel wieder für Touristen aus dem Ausland geöffnet. Seit Mitte Monat empfangen auch die Strandressorts im beliebten Touristenort Varadero wieder Gäste. Bereits im vergangenen Jahr waren die Tourismuseinnahmen zurückgegangen. Ein Faktor waren auch die Sanktionen Washingtons, die Kreuzfahrtschiffen aus den Vereinigten Staaten untersagten, die Insel anzusteuern.

Außer dem Tourismus hat die Corona-Pandemie auch zu einem Rückgang von Überweisungen von Kubanern im Ausland an ihre Familien auf der Insel geführt. Viele sind selbst in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten. Die Dollars für den Einkauf in den Dollar-Läden werden dadurch knapper. Die Regierung in Havanna hat die Rechnung zudem nicht mit Washington gemacht. Kaum waren die Dollar-Läden offen, zog die amerikanische Regierung die Sanktionsschraube ein weiteres Mal an und veröffentlichte eine Liste von kubanischen Unternehmungen mit Verbindungen zur Armee, mit denen keine Geschäfte betrieben werden dürfen. Zu den betroffenen Unternehmen gehört unter anderem auch Fincimex, ein kubanisches Unternehmen, das unter anderem für Western Union die Überweisungen nach Kuba abwickelt. Aus Angst vor Sanktionen durch die Vereinigten Staaten haben inzwischen auch Finanzinstitute in Europa, die im Überweisungsgeschäft tätig sind, ihre Dienstleistungen für Transfers nach Kuba ausgesetzt.

Emigration in die Vereinigten Staaten?

Die wirtschaftliche Krise und die Sanktionen setzen der ältesten Diktatur Lateinamerikas mehr zu als die Corona-Pandemie. Dabei ist letztere trotz der erfolgreichen Eindämmung noch nicht ausgestanden – auch für Kuba nicht. Nachdem das Land schon fast den Sieg über das Virus erklärt und im Juli die Quarantäne gelockert hatte, kam es Anfang August zu einer Häufung von neuen Fällen. Ob bald die nächste Welle kommt, wenn nun wieder mehr Touristen ins Land kommen, ist ungewiss.

Anna und Juan stellen sich auf schwierige Zeiten ein. „Das einzige, was man in Zukunft machen kann, ist zu emigrieren“, sagt Juan. 2019 erlebte das Land eine neue Ausreisewelle. Viele fliehen über Mittelamerika. Das Ziel der meisten: die Vereinigten Staaten. Für viele Migranten jedoch wird das Leben dort nicht besser.

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