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Bald Lockerung des „Shutdown“? : Italiens Angst vor der „zweiten Welle“

Mitarbeiter eines Turiner Krankenhauses halten am Palmsonntag Palmzweige hoch. Bild: Reuters

In Italien könnten nach Ostern einige Wirtschaftszweige wieder die Produktion aufnehmen. Aber die Angst vor einem erneuten drastischen Anstieg der Infektionen ist groß.

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          Der Streit um das P-Wort ist nicht beigelegt: Hat Italien den „Picco“, den höchsten Punkt der Pandemiekurve, schon überschritten, oder befindet sich das Land noch auf dem „Plateau“, mit einer etwa gleichbleibenden Zahl täglicher Neuinfektionen mit dem Coronavirus? Manche Politiker und Wirtschaftsvertreter neigen zur Theorie vom Gipfelabstieg. Die meisten Wissenschaftler und auch der nationale Zivilschutz sagen, man sei noch auf der Hochebene. Die Zahlen der vergangenen Woche, die Zivilschutzchef Angelo Borrelli jeden Abend um 18 Uhr der Nation verkündet, lassen beide Interpretationen zu.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Am Samstag sank die Zahl der auf den Intensivstationen der italienischen Krankenhäuser behandelten Covid-19-Patienten erstmals seit gut einem Monat (um 74 auf insgesamt 3994). Die Zahl der täglichen Todesfälle blieb aber mit rund 700 weiter erschreckend hoch; bis Sonntag starben in Italien mehr als 16.000 Menschen an der Lungenkrankheit, rund die Hälfte von ihnen allein in der Lombardei. Andererseits gab die Zahl der bestätigten Neuinfektionen mit dem Coronavirus wiederum Anlass zur Hoffnung: Die Wachstumskurve hat sich abgeflacht, zeigt womöglich sogar nach unten.

          Druck auf Intensivstationen lässt nach

          Zivilschutzchef Borrelli sprach am Samstag von „sehr wichtigen Neuigkeiten“, weil gerade in der besonders von der Pandemie betroffenen Region Lombardei der Druck auf die Intensivstationen der Kliniken nachlasse. Der für die Koordinierung des Kampfes gegen die Pandemie zuständige Regierungskommissar Domenico Arcuri warnte aber sogleich: „Wir sollten nicht glauben, dass wir gewinnen, nur weil wir den Gegner in die Enge getrieben haben.“

          Er und die meisten Fachleute in den nationalen Gesundheitsbehörden befürchten eine „zweite Welle“, sollten die radikalen Einschränkungen der Bewegungsfreiheit und der Wirtschaftstätigkeit zu früh gelockert werden. Die „kritische Phase“ sei noch lange nicht überstanden, bekräftigte der Präsident des nationalen Gesundheitsrats Franco Locatelli. Die jüngste Entwicklung sei lediglich ein Anzeichen dafür, dass die Maßnahmen im Kampf gegen die Pandemie Wirkung zeigten: „Ohne die Ausgangssperre hätten wir 30.000 Tote mehr gehabt.“

          Regierung warnt vor Ausflügen ans Meer

          Die politische Debatte über eine mögliche „Exit-Strategie“ nimmt derweil Fahrt auf. Gemäß jüngstem Regierungsdekret von letzter Woche steht fest, dass die strenge Ausgangssperre und die Stilllegung fast der gesamten Wirtschaft auf jeden Fall bis einschließlich Ostermontag beibehalten bleiben. Aber was kommt danach? Darüber, so berichteten italienische Medien am Sonntag übereinstimmend, werde Ministerpräsident Giuseppe Conte im Einvernehmen mit den Präsidenten der zwanzig Regionen bis etwa Karfreitag entscheiden.

          Beim Herunterfahren der Beschränkungen soll der Fehler vermieden werden, der deren Wirksamkeit beim schrittweisen Hochfahren geschmälert hatte: Es gab für unterschiedliche Regionen zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Verbote. Dies führte etwa am ersten Tag der Ausgangssperre für die Lombardei zur Flucht von bis zu 20.000 Menschen aus der Nordregion in den Süden. Mit Blick auf die Osterfeiertage, mit voraussichtlich frühsommerlichem Wetter, verschärfte die Regierung die Warnung, ein Ausflug zum Meer oder die Fahrt zum Feriendomizil werde mit hohen Geldstrafen geahndet.

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          Für die Woche nach Ostern soll es zwar noch keine Lockerung der Ausgangssperre geben; die soll nach dem Willen von Zivilschutzchef Borrelli bis mindestens Anfang oder sogar Mitte Mai bestehen bleiben. Die Regierung erwägt aber die Wiederaufnahme der Arbeit in einigen Wirtschaftsbereichen kommen. Die Rede ist von der Bauwirtschaft, von der pharmazeutischen und der chemischen Industrie, von Landschaftsbau, Forst- und Gartenwirtschaft. Auch die Schwerindustrie und der Handel fordern lautstark eine Lockerung des „Shutdowns“.

          Ob die ersten Schritte in Richtung „Exit“ tatsächlich einvernehmlich beschlossen und dann pannenfrei verlaufen werden, kann man bezweifeln. In der Lombardei erließ Regionalpräsident Attilio Fontana am Samstag eine allgemeine Maskenpflicht für jede Bewegung in der Öffentlichkeit. Zivilschutzchef Borrelli ließ in Rom sogleich wissen, er werde auch künftig keine Atemschutzmaske tragen, weil das Einhalten des Mindestabstands von einem Meter ausreichend Schutz biete.

          Salvini fordert Öffnung der Kirchen

          Einen eigenen Vorschlag zur Lockerung des „Lockdowns“ machte der frühere Innenminister Matteo Salvini von der rechtsnationalistischen Lega. Er schloss sich der vor allem von traditionalistischen Katholiken geäußerten Forderung nach einer Öffnung der Kirchen zu Ostern an. Dabei sollten die einschlägigen, etwa für den Einkauf in Supermärkten gültigen Sicherheits- und Abstandsbestimmungen gewährleistet bleiben.

          Er verstehe nicht, dass Kioske für Zigaretten und Tabak geöffnet seien, Kirchen aber nicht. „Das heilige Osterfest, die Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus kann für Millionen Italiener ein Moment der Hoffnung zum Leben sein“, sagte Salvini. Den Gottesdienst zu Palmsonntag feierte Papst Franziskus in einem fast menschenleeren Petersdom. Auch der Petersplatz blieb am Sonntag weiträumig abgesperrt.

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