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Hilferufe aus Krankenhäusern : Infektionslage in Indien spitzt sich weiter zu

Notlieferung Sauerstoff im Jaipur Golden Krankenhaus in Delhi Bild: dpa

Tag auf Tag meldet Indien neue Rekordzahlen bei den Coronainfektionen. Kliniken und Angehörige flehen um Sauerstoff. Selbst der Erzfeind Pakistan bietet Hilfe an.

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          Indien führt einen immer dramatischeren Kampf gegen die wachsende Zahl an Corona-Infektionen im Land. In seiner regelmäßigen Rundfunk-Ansprache verwandte Ministerpräsident Narendra Modi am Sonntag das Bild eines „Sturms“, der die Nation erschüttert habe. Er forderte die Bürger auf, sich impfen zu lassen und vorsichtig zu sein.

          Till Fähnders
          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Indien hatte zuvor wieder einen weiteren Rekordwert an Neuinfektionen verzeichnet. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums vom Sonntag waren in den vorangegangenen 24 Stunden 349.691 neue Fälle verzeichnet worden, so viel wie bisher in keinem anderen Land an einem Tag. 2767 Infizierte waren gestorben. Damit wurden den vierten Tag in Folge in Indien mehr als 300.000 Neuinfektionen und über 2000 Tote registriert.

          Es wird befürchtet, dass die Lage sich noch weiter verschlechtert. In der Hauptstadt Delhi arbeiten die meisten Krankenhäuser am Limit. Es fehlt an Betten, Medikamenten und vor allem an Sauerstoff zur Versorgung der Patienten. Der Chef der Regionalregierung in Delhi, Arvind Kejriwal, kündigte am Sonntag an, dass der Lockdown in der Hauptstadt nun nicht wie geplant am Montag endet. „Das Coronavirus richtet noch immer verheerenden Schaden in der Stadt an. Die öffentliche Meinung verlangt, dass der Lockdown ausgeweitet werden sollte. Deshalb wird er um eine Woche verlängert“, sagte Kejriwal laut dem Sender NDTV. Demnach dürfen nur Anbieter essentieller Dienstleistungen und Behörden weiterarbeiten. Mitarbeiter privater Unternehmen müssen zu Hause bleiben. Kaufhäuser, Fitnesscenter, Restaurants und dergleichen bleiben geschlossen.

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          Fachleute führen den raschen Anstieg der Fälle in Indien auf Nachlässigkeit bei der Einhaltung der Corona-Maßnahmen und auf neue Virusvarianten zurück. Sorgen bereitet die Mutante B.1.617, die zum ersten Mal in Indien nachgewiesen worden war und mittlerweile auch in einigen anderen Ländern gefunden wurde. Die Bundesregierung stufte Indien am Samstag als Virusvariantengebiet ein. Damit gilt in Deutschland ein weitgehendes Einreiseverbot für Menschen, die sich zuvor in Indien aufgehalten haben, mit Ausnahme von deutschen Staatsbürgern und Ausländern mit Aufenthaltsrecht in der Bundesrepublik. Immer mehr Länder erlauben schon jetzt keine Flüge mehr aus Indien.

          Verschiedene Länder boten Indien ihre Unterstützung an, darunter Deutschland, die Vereinigten Staaten und sogar der südasiatische Erzfeind Pakistan. Indiens Militär will nun zunächst 23 Anlagen zur Produktion von Sauerstoff aus Deutschland einfliegen. Die Vereinigten Staaten seien über den schweren Ausbruch in Indien „tief besorgt“, teilte der Nationale Sicherheitsberater Jake Sullivan am Sonntag mit. Es werde rund um die Uhr daran gearbeitet, Indien mehr Nachschub und Unterstützung zukommen zu lassen. Zuvor war in Indien Kritik an den amerikanischen Export-Beschränkungen für Grundstoffe zur Impfstoffproduktion laut geworden. Es wurde außerdem gefordert, Amerika solle überschüssigen Impfstoff an Indien abtreten.

          Offenbarungseid des weltgrößten Impfstoffherstellers

          Dabei handelt es sich um einen Offenbarungseid Indiens, das sich als größter Hersteller von Impfstoffen und „Apotheke der Welt“ zuvor selbst gelobt hatte. Mittlerweile ist die ehrgeizige indische Impfkampagne jedoch aufgrund von Nachschubschwierigkeiten ins Stocken geraten. Bis Juli sollten eigentlich 250 Millionen der 1,35 Milliarden Inder geimpft sein. Mit 140 Millionen verabreichten Dosen wird dieses Ziel vermutlich verfehlt.

          Immer mehr Krankenhäuser veröffentlichen derweil Hilferufe. Das Pentamed Hospital im Norden von Delhi teilte am Sonntag mit, sein Sauerstoff gehe zur Neige. „Wir haben fünfzig Patienten, die mit Sauerstoff versorgt werden. Und wenn wir innerhalb der nächsten Stunde keinen Nachschub bekommen, dann stehen Leben auf dem Spiel“, sagte der Oberarzt Tarqueem Haider. Auch das Lok Nayak Hospital, das einzige Krankenhaus in Delhi, in dem nur Corona-Patienten behandelt werden, rief um Hilfe.

          Im Jaipur Golden Hospital in Delhi starben am Wochenende zwanzig Menschen, weil sie offenbar nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt worden waren. Auch aus anderen Regionen werden Todesfälle gemeldet, die vermutlich hätten verhindert werden können. In sozialen Netzwerken flehten Menschen nach Sauerstoffzylindern, Medikamenten und Krankenhausbetten für erkrankte Angehörige.

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