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Bedrohung durch Delta : Ein Kampf um den Sommer

Anfang Juli spazieren Touristen noch unbeschwert auf Mallorca entlang der Strandpromenade. Bild: Reuters

Deutschland entspannt sich, doch in Spanien droht eine neue Corona-Welle. Delta breitet sich aus, und das Robert Koch-Institut hat das Land zum Risikogebiet erklärt.

          5 Min.

          Die große Sommerparty war kurz. Seit Freitag herrscht Stille im „High Fidelity Dance Club“. Die Diskothek am Montjuïc-Berg oberhalb von Barcelona hat wieder geschlossen - wie zuvor schon 16 Monate lang: Nicht nur in Barcelona, sondern in ganz Katalonien ruht das Nachtleben. Auch in den Badeorten an der Costa Brava müssen die Diskotheken und Musikbars ihre Innenräume zumachen. Nur unter freiem Himmel und auf Terrassen darf noch getanzt werden - mit Test oder Impfnachweis, wenn mehr als 500 Menschen da sind.

          Hans-Christian Rößler
          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Spanien zeigt, wie schnell die Lage kippen kann. Im Juni waren die Infektionszahlen hier noch fast genauso niedrig wie in Deutschland. Jetzt rollt die fünfte Corona-Welle an: Das beliebteste Urlaubsland der Deutschen verzeichnete in den vergangenen beiden Wochen mehr als 40 Prozent aller neuen Ansteckungen in der EU. Die fünfte Pandemie-Welle ist da, und die Zeitung La Vanguardia aus Barcelona warnt: Wenn die internationale Presse darauf aufmerksam werde, drohe eine Flut von Stornierungen. Am schlimmsten ist es in Katalonien: Mit rund 400 Neuinfektionen pro hunderttausend Einwohnern hat die Region die höchste Sieben-Tage-Inzidenz im Land. Barcelona ist zum spanischen Corona-Hotspot geworden.

          Dieses Mal macht vor allem die Jugend den Fachleuten Sorgen. Ausgelassen war sie in die Sommerferien aufgebrochen: Sie glaubte, vom Virus gehe keine Gefahr mehr aus, und wollte endlich die neuen Freiheiten genießen. Seit die Nachtclubs und Diskotheken am 21. Juni wieder öffneten und wenig später die Maskenpflicht im Freien endete, schossen die Fallzahlen bei Katalanen unter 30 Jahren in die Höhe. Das liegt nicht nur an Corona-Müdigkeit, sondern vor allem daran, dass die meisten von ihnen noch nicht geimpft sind. Jetzt hat die katalanische Regionalregierung die Notbremse gezogen und geht damit weiter als der größte Teil des übrigen Landes.

          Die Dynamik der Delta-Variante

          „Kürzere Öffnungszeiten in den Bars bedeuten weniger Ansteckungsgefahr. Die Schließung des Nachtlebens kann ebenfalls helfen“, sagt Antoni Trilla der F.A.S. Im Hospital Clínic in Barcelona leitet er die Abteilung für Präventivmedizin und Epidemiologie und ist beunruhigt über die „Explosion“ der Neuinfektionen: „Jede Woche verfünffacht sich die Zahl.“ Zum Glück aber sei der Verlauf bei den Jüngeren meist mild. Oft gleiche er nur einer Erkältung, sodass die neue Welle bisher besonders die lokalen Gesundheitszentren zur einfachen Grundversorgung zu spüren bekamen. Auf den Intensivstationen dagegen sei die neue Welle noch nicht angekommen - „aber wir bereiten uns vor“, sagt der Arzt.

          Die neue Dynamik liegt auch an der hochinfektiösen Delta-Variante, deren Anteil Trilla in Katalonien auf 40 bis 50 Prozent veranschlagt; sie werde bald dominant sein. Das ist höher als der spanische Durchschnitt: Laut den jüngsten Angaben des Gesundheitsministeriums sind es im gesamten Land erst elf Prozent. Aber diese Zahlen sind schon drei Wochen alt.

          In Katalonien lässt sich der Beginn der fünften Corona-Welle zeitlich gut eingrenzen. Trilla führt ihn auf den „Sant-Joan-Effekt“ zurück. Damit sind die Folgen des Johannis-Feiertags am 24. Juni gemeint. Schon die Nacht davor wird fröhlich und laut gefeiert. Das folgende lange Wochenende nutzten dann viele für Familienbesuche mit jeder Menge Ansteckungsmöglichkeiten. Das Ende des Schuljahres bot einen weiteren Anlass für Partys.

          Schüler als Superspreader

          Den Johannis-Effekt bekamen auch Valencia und die Balearen zu spüren, wo die Fallzahlen um mehr als 300 Prozent anstiegen. Das lag nicht nur an dem regionalen Feiertag. Auf Mallorca wurden Klassenfahrten zum ersten Superspreader-Event dieses Sommers: Bei den Abschlusspartys steckten sich mehr als 2000 Schüler an und verbreiteten das Virus bei ihrer Heimkehr im ganzen Land. Mehr als 6000 Menschen mussten danach in Quarantäne. Zum zweitgrößten Ausbruch kam es in Salou an der katalanischen Küste bei Tarragona. Fast tausend Schüler wurden nach ihrer Heimkehr nach Navarra positiv auf das Coronavirus getestet. In der nordspanischen Region ist der Anteil der Delta-Variante nach Angaben der Zeitung El País innerhalb kurzer Zeit auf 80 Prozent hochgeschnellt.

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