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Corona in Schweden : „Das hat nichts mit Herdenimmunität zu tun“

Sonderweg in Schweden: Während im April vielerorts sonst in Europa Wert auf Distanz gelegt wurde, kamen Menschen wie hier im Rålambshov Park in Stockholm zusammen. Bild: AFP

Gesichtsmasken im Kampf gegen Corona seien in ihrer Heimat ein Tabu, sagt die schwedische Virologin Lena Einhorn. Im Interview erklärt sie, warum sie Schwedens Strategie gegen Covid-19 für falsch hält.

          2 Min.

          Frau Einhorn, Sie sind ausgebildete Ärztin, zuletzt aber vor allem als Dokumentarfilmerin und Autorin in Schweden bekanntgeworden. Sie gehören zu 22 Wissenschaftlern im Land, die Schwedens Corona-Strategie im April öffentlich kritisierten. Wie bewerten Sie die Entwicklung?

          Matthias Wyssuwa

          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Am Anfang wurde von der zuständigen Gesundheitsbehörde nicht klar formuliert, was die schwedische Strategie überhaupt sein sollte. Man musste raten, was vor sich geht. Ich würde sagen, es gab verschiedene Phasen: In der ersten schien die Gesundheitsbehörde überzeugt zu sein, dass dieses Virus kein Problem für Schweden wird. Sie ging davon aus, dass nur Menschen mit Symptomen es verbreiteten. So gab es keine Vorbereitung. Die zentralen Empfehlungen waren: Wascht eure Hände und bleibt zu Hause, wenn ihr euch krank fühlt. Dann gingen die Infektionszahlen durch die Decke, und das Virus drang auch in Alten- und Pflegeheime ein. Wie ein Lauffeuer. Jetzt haben wir zehnmal so viele Tote im Verhältnis zur Einwohnerzahl wie Norwegen und Finnland.

          Es wurde doch auch viel über eine schnelle Herdenimmunität spekuliert?

          Ja, das war die zweite Phase. Zwar hieß es, Herdenimmunität sei nicht das Ziel, zugleich wurde aber gesagt, Schweden würde langfristig viel besser mit dem Virus klarkommen, weil wir eine höhere Immunität in der Gesellschaft haben würden. Heute wissen wir, dass wir nicht einmal nah bei einer Herdenimmunität sind.

          Aber im Sommer sanken die Infektionszahlen doch?

          Das hat nichts mit Herdenimmunität zu tun. Schweden ist sehr dünn besiedelt. Im Sommer zieht es die Menschen aus den Städten in die Natur. Das ist eine Art natürliches Social Distancing.

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          Aber in Schweden wurde doch auch in den Alltag eingegriffen. So blieb es bei der 50-Personen-Grenze für Veranstaltungen.

          Ja, allerdings sollte diese Grenze eigentlich schon aufgehoben werden – nur stiegen dann die Infektionszahlen wieder. Wenn man heute auf die Zahlen schaut, ist der Trend hier wieder deutlich negativer als in den anderen skandinavischen Ländern.

          Ist es die zweite Welle?

          Ja, die Zahlen steigen wieder rasant. Mit Blick auf die Strategie sind die Unterschiede zu anderen Ländern aber in den vergangenen Monaten sicher geringer geworden, mit zwei Ausnahmen.

          Welche?

          Bis vor kurzem hieß es noch, dass man arbeiten gehen könne, solange man keine Symptome habe, auch wenn jemand im selben Haushalt positiv getestet worden sei. Nun wird immerhin empfohlen, dass man als Erwachsener für eine Woche zu Hause bleiben soll. Kinder sollen aber weiter zur Schule gehen.

          Und die zweite Ausnahme sind die Gesichtsmasken?

          Genau, und das ist verrückt, es ist wie ein Tabu. Es gibt dazu bis heute keine Empfehlung, man geht sogar zum Arzt ohne Maske, und auch der Arzt trägt keine. Gerade waren der König und die Königin zu Besuch im Karolinska-Krankenhaus in Stockholm. Die Königin fragte, warum man denn keine Gesichtsmasken empfehle. Sie bekam die Antwort, dass die Gesundheitsbehörde nicht daran glaube, dass Masken ausreichend Schutz böten und es schwer sei, sie richtig zu nutzen. Die Königin war nicht zufrieden mit der Erklärung, der König schüttelte den Kopf und sagte, es scheine, als könnte niemand eine gute Erklärung dafür geben.

          Glauben Sie trotzdem, dass Schweden besser vorbereitet ist auf die zweite Welle?

          Es ist besser vorbereitet, weil mehr getestet wird und mehr Kontakte nachverfolgt werden. Aber nicht genug. Und jetzt dürfen wieder Besucher in die Alten- und Pflegeheime. Auch da gibt es keine Empfehlung, dass sie Masken tragen sollen.

          Gibt es etwas an der schwedischen Strategie, das typisch schwedisch ist?

          Ich denke nicht. Ich habe Schweden immer als eine sehr vernünftige Gesellschaft betrachtet, die im besten Interesse der Mitbürger handelt. Dieser Weg ist eher das Gegenteil.

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