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Corona in Russland : „Schickt Ärzte, bevor das Volk auf den Straßen stirbt“

Am 28. Oktober auf der Corona-Station eines Moskauer Krankenhauses Bild: Imago

Kranke auf den Fluren der Krankenhäuser und Leichname in Kellern: In vielen Gebieten Russlands führt der rasche Anstieg von Covid-19-Infektionen zu dramatischen Situationen.

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          In etlichen Gebieten Russlands sei das Gesundheitssystem „maximal ausgelastet“ und die Arbeit der Ärzte „extrem angespannt“, sagte der russische Ministerpräsident Michail Mischustin dieser Tage. Er verkündete, die Regierung habe zusätzliche Gelder für Schutzausrüstung, Tests und Medikamente zur Verfügung gestellt. Russland hat am Dienstag den fünften Tag in Folge mehr als 18.000 Corona-Neuinfektionen verzeichnet.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Das ist deutlich mehr als während der ersten Welle im Frühjahr, als der Höchststand bei etwas mehr als 11.000 am Tag lag. Am meisten Fälle, um die 5000 neue täglich, sind es zwar wie damals in der Hauptstadt Moskau. Aber der Anteil der Fälle im riesigen Rest des Landes ist gestiegen. Das ist misslich, denn außerhalb Moskaus ist Russlands Gesundheitssystem chronisch unterentwickelt.

          Besonders dramatische Meldungen und Bilder kommen derzeit aus Sibirien. Auf Videoaufnahmen aus einem Krankenhaus in Tomsk sieht man, wie sich ältere Patienten auf Krankenliegen im Flur strecken oder auf Stühlen sitzen. Betten seien nicht frei, Kranke würden auf Stühle gesetzt und davon seien noch zwei frei, sagt die Filmerin dazu. Tomsker Ärzte sprachen mit Blick auf den Bettenmangel von einer „sitzenden Hospitalisierung“. Die Behörden teilten mit, die „Ansammlung von Menschen im Flur“ habe es nur am vergangenen Wochenende gegeben; alle seien versorgt worden und jetzt gebe es mehr Betten. Doch aus Tomsk wird auch von langen Wartezeiten auf Krankenwagen berichtet, von einem „Kollaps des Apothekensystems“ und fehlenden Medikamenten.

          Andernorts ist die Lage nicht besser. In Tomsks Nachbarregion Krasnojarsk gibt die regionale Regierung an, jeder fünfte Mediziner sei derzeit an Covid-19 erkrankt, das Gesundheitssystem „an der Grenze seiner Möglichkeiten“. Schon in der vergangenen Woche berichteten Ärzte aus den westsibirischen Gebieten Omsk und Kurgan von Schwierigkeiten. Die Kurganer sprachen in ihrem Appell an Präsident Wladimir Putin von einer „enormen, unkontrollierten Epidemie“ und baten um Militärärzte, „solange das Volk noch nicht direkt bei uns auf den Straßen stirbt“.

          Aus mindestens fünf Städten wurde von überfüllten Leichenhallen berichtet. Aus Barnaul in der Altaj-Region an der Grenze zu Kasachstan und aus Nowokusnezk im benachbarten Gebiet Kemerowo kamen Videos von Leichnamen in dunklen Plastiksäcken, die notdürftig in Kellern gelagert wurden, auf Liegen, in Regalen, auf dem Boden. In der Region Transbaikalien gab es eine behördliche Prüfung, nachdem die Videobotschaft einer 64 Jahre alten Covid-19-Kranken Aufsehen erregt hatte. Sie keucht und hustet und erhebt Vorwürfe gegen die Gesundheitsbehörden, untätig zu bleiben. „Wenn ich sterbe, ist daran nur das Gesundheitsministerium mit einem solchen nachlässigen Verhalten schuld“, sagt sie. Am vergangenen Donnerstag starb die Frau in einem Krankenhaus der Regionalhauptstadt Tschita. Dorthin habe sie die Familie selbständig gebracht, Mediziner hätten die Frau nicht mehr zuhause angetroffen, teilte das transbaikalische Gesundheitsministerium mit und hob hervor, man handele stets gemäß der Behandlungsvorschriften.

          Aus einer Reihe von Städten wurde über Engpässe mit Sauerstoff berichtet. In einem Krankenhaus im südwestrussischen Rostow am Don starben laut Ermittlern fünf, laut Medienberichten 13 Patienten, als Mitte Oktober der Sauerstoff knapp wurde. Ein Arzt verglich die um jeden Atemzug kämpfenden Patienten mit aus dem Wasser gezogenen Fischen. Und immer wieder wird berichtet, es fehle an medizinischem Personal.

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