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Corona in Österreich : Können Massentests Weihnachten retten?

Spaziergänger im Schönbrunner Schlosspark in Wien. Bild: dpa

Um das Weihnachtsgeschäft und fröhlichere Festtage zu ermöglichen, sollen sich bald möglichst alle Österreicher auf Corona testen lassen. Aber niemand wird dazu gezwungen.Die Regierung versucht es mit sanftem moralischen Druck.

          3 Min.

          Können Corona-Massentests eine geeignete Strategie sein, um ohne eine dritte Vollschließung des Landes durch den Winter zu kommen? Österreich will versuchen, mit diesem Mittel Weihnachtsgeschäft und Festtage und vielleicht sogar auch einen Teil der touristischen Wintersportsaison zu retten. Die Regierung in Wien gab zum Wochenende bekannt, wie die Testreihen nach dem Ende des Lockdowns Anfang Dezember vor sich gehen sollen: zunächst mit Schwerpunkten bei bestimmten Berufsgruppen, dann ein regionaler Probelauf, schließlich Aufrufe an die gesamte Bevölkerung, sich auf Infektionen testen zu lassen – allerdings auf freiwilliger Basis.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.

          Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP), Vizekanzler Werner Kogler und Gesundheitsminister Rudolf Anschober (beide Grüne) warben für eine große Beteiligung, wiesen aber auch darauf hin, dass das kein „Allheilmittel“ sei, sondern nur eines von vielen Instrumenten. Die rechte, linke und liberale Opposition reagierte mit Skepsis und Kritik an der Regierung, die den Sommer „verschlafen“ und damit die zweite Schließung überhaupt erst verschuldet habe. Für die Testungen soll das Antigen-Verfahren eingesetzt werden, das weitaus weniger kostet und schnellere Ergebnisse liefert als die PCR-Tests, aber auch weniger zuverlässig ist. Dennoch hofft man, auf diesem Weg Infizierte ohne Symptome zu entdecken, ehe sie die Infektion weitergeben können. Es gibt Vorbilder für solche Massentests: In der Slowakei nahmen im Oktober 3,6 von 5,5 Millionen Einwohnern an einer solchen Aktion teil. 50.000 Infektionen, die andernfalls (vorerst) unentdeckt geblieben wären, sollen dadurch festgestellt worden sein.

          „Bis zur Impfung eine große Chance für Österreich“

          Jetzt hat auch die zu Italien gehörende Provinz Südtirol einen vergleichbaren Massentest organisiert, der am Sonntag zu Ende ging. Dort waren seit Freitag 350.000 Einwohner zum Test aufgerufen, bis Sonntagnachmittag hatten rund 270.000 Personen teilgenommen; gut ein Prozent der getesteten sei Corona-positiv, wurde mitgeteilt. Die Teilnahme war in beiden Fällen nicht Pflicht, aber es gab mehr oder weniger starken Druck teilzunehmen: In der Slowakei musste in Quarantäne, wer nicht teilnahm. In Südtirol müssen Betriebe Mitarbeiter, die nicht teilnehmen, zur Heimarbeit nach Hause schicken oder für ein paar Tage vom Dienst suspendieren.

          Der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz Mitte November
          Der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz Mitte November : Bild: dpa

          In Österreich ist von solchen Regelungen bislang nicht die Rede, die Regierung versucht es mit sanftem moralischen Druck: „Wir bitten die gesamte Bevölkerung, dieses bundesweite Projekt zu unterstützen und sich daran zu beteiligen“, sagte Bundeskanzler Kurz. „Einige Minuten für einen Test können einige Wochen Lockdown des ganzen Landes verhindern.“ Das sei „bis zur Impfung eine große Chance für Österreich, den Weg zur Normalität zurückzufinden“. Sieben Millionen Testsets wurden bestellt. Die FPÖ forderte eine „Garantieerklärung“ der Regierung, dass eine Nichtteilnahme keine nachteiligen Folgen für die Betreffenden habe.

          Die derzeitigen Schließungen und Ausgangsbeschränkungen gelten vorerst bis 6. Dezember. Danach soll schrittweise gelockert werden. Dass die Schulen als Erstes wieder den allgemeinen Betrieb aufnehmen sollen, darauf deutet der Umstand hin, dass am Wochenende zuvor die Lehrer und Kindergartenbetreuer als erste Berufsgruppe getestet werden sollen, rund 200.000 Personen. Zu Wochenbeginn sollen die Polizisten folgen. Kurz vor Weihnachten ist eine große Testreihe für die gesamte Bevölkerung (neun Millionen Einwohner) geplant, nach den Feiertagen soll eine zweite folgen. Gesundheitsminister Anschober kündigte an, Positiv-Resultate sollten mit dem zuverlässigeren PCR-Test überprüft werden. So soll offenbar Bürgern die Sorge genommen werden, durch ein womöglich falsches Resultat des unsichereren Antigen-Tests überflüssigerweise in Quarantäne geschickt zu werden.

          Anschober sagte in der Wiener „Presse“, die Massentests für die gesamte Bevölkerung sollten „geblockt an einem Wochenende mit vielen Testmöglichkeiten und einer starken Digitalisierung bei der Umsetzung, um Wartezeiten zu vermeiden“, erfolgen. Die Proben soll geschultes Gesundheitspersonal entnehmen. Bei der Logistik unterstützen sollen Polizei, Feuerwehren, freiwillige Helfer, aber auch das Bundesheer. In der Slowakei hatte die Armee die Tests durchgeführt; ein Trupp österreichischer Soldaten war zur Amtshilfe geschickt worden und konnte so bereits Erfahrungen sammeln. Ein Probelauf soll Anfang Dezember in ausgewählten Gemeinden mit hohen Inzidenzwerten gemacht werden. Unabhängig von diesen Massentests läuft bereits ein Screening-Programm zum Schutz der Alten- und Pflegeheime.

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