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Vierte Corona-Welle : In Iran gibt es jetzt mehr Bestattungen als im Krieg

Ausgehobene Gräber auf dem Zentralfriedhof in Teheran am 22. April Bild: EPA

Die vierte Corona-Welle hat Iran und seine 82 Millionen Einwohner voll erfasst. Auf dem Zentralfriedhof in Teheran werden mittlerweile täglich mehr Menschen beerdigt als in den schlimmsten Phasen des Kriegs mit dem Irak.

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          Der Ausruf des Leiters des Teheraner Zentralfriedhofs ist beschreibend für den dramatischen Verlauf der Corona-Pandemie in Iran. Nie seien in den vergangenen fünfzig Jahren so viele Tote täglich bestattet worden, sagte er der iranischen Nachrichtenagentur Ilna. Mehr also als in den schlimmsten Phasen des Kriegs mit dem Irak von 1980 bis 1988. Bei etwa 150 der durchschnittlich 350 Leichname, die momentan täglich auf dem Zentralfriedhof bestattet werden, ist auf dem Totenschein Covid-19 als Ursache eingetragen. Jedoch dürfte die Dunkelziffer viel höher liegen. Viele Iraner berichten, oft würden fälschlicherweise andere Ursachen, etwa Herzversagen, angegeben. Am 25. März waren landesweit offiziell erst 74 Covid-19-Tote registriert worden. Bis zum Ende der vergangenen Woche stieg die Zahl steil auf 453, bevor sie am Wochenende leicht zurückging.

          Rainer Hermann
          Redakteur in der Politik.

          Die vierte Welle hat Iran und seine 82 Millionen Einwohner voll erfasst. Die Regierung versucht mit der Erklärung zu beruhigen, Iran liege im weltweiten Trend. Zurückzuführen ist die Wucht aber auf hausgemachte Faktoren. So hatte die Regierung für die Ferien zum iranischen Neujahrsfest Nouruz, die am 21. März begonnen hatten, die Reisebeschränkungen aufgehoben. Um die in der Folge rasch steigenden Zahlen zu bremsen, verhängte sie am 10. April einen zehntägigen Lockdown. Die meisten Geschäfte sind seither offiziell geschlossen, auch wenn oft die Rollläden nur zur Hälfte heruntergelassen und die Türen offen sind; Schulen und Universitäten machen Fernunterricht. Die Zahl der täglichen Infektionen stieg dennoch seit dem 25. März ungebremst von 7500 auf über 25.000. Da der Fastenmonat Ramadan, in dem sich die Familien abends gegenseitig besuchen, am 13. April begonnen hat, gilt es als unwahrscheinlich, dass der Lockdown die Welle bricht.

          Notlazarette in Teheran

          In Teheran kümmern sich fast hundert Krankenhäuser um Covid-Patienten. Die Intensivstationen hätten keine freien Kapazitäten mehr, teilte vergangene Woche Nader Tavakkoli vom iranischen Corona-Krisenstab mit. Kranke werden in den Höfen der Krankenhäuser behandelt, in Teheran wurden Notlazarette errichtet. Die Zahlen sind auch deswegen so hoch, weil Iran kaum Impfstoff importiert und nur wenig geimpft hat. Nach Angaben der Regierung wurden bislang überwiegend aus Russland, aber auch aus Indien 1,9 Millionen Impfdosen geliefert. Vorrangig wurden Ärzte und medizinisches Personal geimpft sowie die Beschäftigten auf den Friedhöfen und bei der Müllabfuhr. Am 15. April hat Iran einen Vertrag für 60 Millionen Impfdosen Sputnik V unterzeichnet.

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          In der Öffentlichkeit treten vermehrt prominente Geistliche wie der 94 Jahre alte Ajatollah Ahmad Dschannati ohne Maske auf, und Revolutionsführer Ali Chamenei hält neuerdings wieder Treffen ab, ohne die zuvor übliche Distanz einzuhalten. Viele Iraner vermuten, dass sich die Führung den Impfstoff von Biontech/Pfizer besorgt hat, obwohl Chamenei zu Beginn der Impfdebatte den Kauf von Impfstoffen aus dem Westen ausgeschlagen hatte.

          Verschiebung der Präsidentenwahl?

          Offiziell liegt die Zahl der positiv Getesteten in Iran bei 2,4 Millionen. Iraner berichten jedoch im Gespräch mit der F.A.Z., dass die meisten in ihrem Umfeld infiziert gewesen seien. Präsident Hassan Rohani selbst hatte bereits im Juli 2020 auf der Grundlage von Studien des Gesundheitsministeriums eine Zahl von damals mindestens 20 Millionen Infizierten nicht ausgeschlossen. In Iran wird daher diskutiert, weshalb das Land noch keine Herdenimmunität erreicht hat und von einer vierten Welle erfasst wird.

          Vor diesem Hintergrund wird zunehmend wahrscheinlich, dass die für 18. Juni angesetzte Wahl eines neuen Präsidenten verschoben werden könnte. Als Anzeichen dafür gilt, dass bislang noch keine seriösen Anwärter ihre Kandidatur bekanntgegeben haben.

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