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Till Fähnders (fäh.)

Massensterben wegen Corona : Modi hat in Indien versagt

Anstehen für die rettende Impfung: Bürger Indiens im Mai Bild: AP

In Indien galt die Pandemie schon als überwunden. Doch die Regierung verhielt sich beispiellos arrogant und bereitete das Land nicht auf eine zweite Welle vor.

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          Ein Inferno aus Krankheit, Tod und Feuer bedroht Indien. Vor Krankenhäusern ersticken Menschen, weil die Intensivbetten alle belegt sind und der Sauerstoff zur Beatmung ausgegangen ist. Die Krematorien verbrennen im Dauerbetrieb Leichen.

          Ministerpräsident Narendra Modi steht in der Kritik, weil er die todbringende zweite Corona-Welle nicht vorhergesehen hat. Seine Regierung hatte die Pandemie in Indien sogar schon für besiegt erklärt. Religiöse Feste, Wahlkampfveranstaltungen und Cricket-Spiele zogen noch bis vor Kurzem Millionen Menschen an.

          Abstand wurde nicht mehr gehalten, und Masken wurden kaum noch getragen. Im Wahlkampf bedankte sich Modi sogar einmal stolz mit den Worten, er habe „noch nie so große Menschenmengen bei einer Kundgebung“ gesehen.

          Für Hindunationalisten ist Indien eine Ausnahmeerscheinung 

          Einige Gesundheitsfachleute hatten die Regierung gewarnt. Doch in Indien triumphierten Ideologie und Machthunger über die Wissenschaft. Das Land hatte seine ausgedehnte erste Corona-Welle glimpflich überstanden. Seit September war die Zahl der Infektionen gesunken.

          Das Gefühl der Sicherheit führte zu Nachlässigkeit in der Bevölkerung und bei den Behörden. Zu schön klangen die Theorien, Indien habe Herdenimmunität erreicht oder die Inder seien durch ihre Gene oder Lebensumstände bedingt resistent.

          Sie vertrugen sich auch gut mit den Vorstellungen der Hindunationalisten um Modi, wonach Indiens Zivilisation eine Ausnahmeerscheinung ist. Zudem galt es, mehrere regionale Wahlen zu gewinnen. Anstatt die Periode niedriger Fallzahlen zu nutzen, um das Land auf einen Rückschlag vorzubereiten, exportierte Indiens Regierung einen großen Teil der dort hergestellten Impfstoffdosen.

          Modi ist der mächtigste Politiker Indiens seit Jahrzehnten – und das ist ein Problem. Denn eine Ursache für die Katastrophe liegt in der selbstherrlichen Art, mit der er und seine wenigen Vertrauten folgenreiche Entscheidungen treffen.

          Narendra Modi inszeniert sich immer mehr als indischer Guru

          Die Politik per Handstreich hatte schon früher zu Fehlern geführt, etwa als Modi einst über Nacht einen Teil des Bargelds für ungültig erklärte. Vor etwas mehr als einem Jahr hatte er das Land mit nur vier Stunden Vorwarnung in einen Lockdown geschickt.

          Die Leidtragenden waren die Ärmsten und Schwächsten. Statt sich um die Menschen in Not zu kümmern, lässt Modi aber lieber Denkmäler, Stadien und ein neues Hauptstadtviertel bauen. Von dem Mythos, er sei ein kompetenter Technokrat, ist kaum etwas geblieben. Stattdessen kehrt er nun immer mehr zu seinen nationalistischen Wurzeln zurück.

          Seine Anhänger führen einen Kampf gegen innere und äußere Feinde, meistens Muslime. Regierungsmitglieder propagieren bizarre Heilungsmethoden und erheben die Erforschung heiliger Kühe zur Wissenschaft. Anstatt Fachleute, Ideen und Kompetenzen zusammenzubringen, spaltet die Regierung das Volk, setzt Intellektuelle der Verfolgung aus und verbreitet Hokuspokus.

          Es ist ein Wandel, der sich auch in Modis Äußerem bemerkbar macht. Sein einst exakt gestutztes Gesichtshaar ist seit Pandemiebeginn zu einem weißen Rauschebart angewachsen. Es dürfte keine Spätfolge des Lockdowns sein, dass Modi immer weniger wie ein Manager aussieht, sondern mehr und mehr wie ein indischer Guru.

          Till Fähnders
          Politischer Korrespondent für Südostasien.

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