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Wanderarbeiter in Indien : Der lange Marsch der Tagelöhner

Ansturm auf einen Busbahnhof außerhalb Delhis am Sonntag Bild: Reuters

Trotz der Ausgangssperre sind in Indien Tausende Wanderarbeiter auf dem Weg in ihre Dörfer. Sie fliehen nicht vor dem Coronavirus, sondern vor dem Hunger – und fürchten die Polizei.

          4 Min.

          Die Autobahn von Delhi nach Agra ist lang und leer. Aufgrund der Ausgangssperre, die wegen der Pandemie erlassen wurde, sind fast keine Autos mehr unterwegs. Doch dann kommt eine Gruppe junger Männer in den Blick, die am Rand der Straße entlanglaufen. Alle tragen Atemschutzmasken, ein paar Rucksäcke mit ihren Habseligkeiten. Es sind Tagelöhner. Bisher hatten sie auf den Märkten der Hauptstadt beim Entladen von Lastwagen und bei ähnlichen Arbeiten geholfen, für etwas mehr als vier Euro am Tag. Nun haben sie sich zu Fuß auf den Weg von der Hauptstadt Delhi in ihre Heimatdörfer gemacht. Acht Stunden Fußmarsch liegen hinter ihnen. Sie haben keine Ahnung, wo sie die Nacht verbringen werden und ob sie irgendwo ein Abendbrot bekommen.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Der 40 Jahre alte Ram Niwas hat in seiner Tasche nur noch 500 Rupien; das sind etwa sechs Euro. „Ich habe seit einer Woche nicht mehr gearbeitet. Alle meine Ersparnisse habe ich für Essen ausgegeben.“ Der Mann ist auf dem Weg in seinen Heimatbezirk Murana im Bundesstaat Madhya Pradesh. Das liegt etwa 350 Kilometer von Delhi entfernt. „Meine Familie hat darauf bestanden, dass ich so schnell nach Hause komme, wie es geht. Sie machen sich Sorgen um meine Sicherheit“, sagt er. Am Tag zuvor war Niwas deshalb in Delhi zum Busbahnhof gegangen. Er war nicht der Einzige, der schnell nach Hause wollte. Die Massen drängten sich in die letzten noch im Einsatz befindlichen Fahrzeuge, manche hängten sich an die Außenseite oder kletterten aufs Dach. Niwas fand einen Bus, der immerhin in die richtige Richtung fuhr. „Ich hätte mich hineinzwängen können, aber dann hätte ich das Virus von einem der Passagiere bekommen können“, sagt der Tagelöhner.

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