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Wegen Covid-Patienten : Hilferuf der Pariser Kliniken

Macron zu Besuch auf einer Intensivstation in Poissy Bild: dpa

Die stark steigende Zahl von Covid-19-Patienten in Frankreich bringt die Krankenhäuser der Hauptstadtregion an ihre Belastungsgrenze. Macron wurde von seinen Beratern vor diesem Szenario gewarnt – vergeblich.

          3 Min.

          Das französische Gesundheitssystem stößt an seine Grenzen, zum dritten Mal seit Ausbruch der Pandemie. In der Hauptstadtregion, wo die britische Virusmutante besonders wütet, haben Krankenhausärzte jetzt einen aufsehenerregenden Hilferuf veröffentlicht: „In unserer Notlage sind wir gezwungen, zwischen Patienten auszuwählen, um so viele Menschenleben wie möglich zu retten“, heißt es darin.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Die Triage betreffe alle Patienten in den 39 öffentlichen Krankenhäusern in Paris und Umgebung, „ob mit Covid-19 oder anderer schwerer Erkrankung“. Die 41 Unterzeichner des Aufrufs betonen, dass sie den Hippokrates-Eid nicht verraten wollen und deshalb die Öffentlichkeit alarmieren.

          „Die Auswahl der Patienten hat bereits begonnen, denn wichtige chirurgische und andere medizinische Eingriffe sind bereits abgesagt worden“, schreiben sie. Schon bald könnten auch lebenswichtige Notfalloperationen aus Mangel an Personal und Intensivbetten nicht mehr gewährleistet werden.

          Die Auslastung der Intensivbetten beträgt laut der jüngsten Statistik der französischen Gesundheitsbehörde 127,7 Prozent im Großraum Paris. 1465 Covid-19-Patienten werden auf den Intensivstationen behandelt, in ganz Frankreich sind es insgesamt 4872 Patienten. Die Zahl der Infektionen steigt ununterbrochen, in den vergangenen 24 Stunden wurden 37.014 Neuinfektionen gemeldet.

          Ethikrat soll Regeln für Triage aufstellen

          Der öffentliche Krankenhausverband AP-HP in Paris will den Nationalen Ethikrat anrufen, um allgemeingültige Regeln für die Triage zu erhalten. Auf dem Höhepunkt der ersten Welle waren im Elsass bereits einige Krankenhäuser beispielsweise in Mulhouse so überlastet, dass Ärzte eine Auswahl treffen mussten. Etliche schwer erkrankte Covid-19-Patienten in Alterspflegeheimen wurden nicht in die Krankenhäuser gebracht. Die Entscheidung war vom Ethikrat gebilligt worden.

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          Vor dem Szenario überlasteter Intensivstationen hatte der Präsident des französischen Wissenschaftsrates, Jean-Francois Delfraissy, am 24. Januar ausdrücklich gewarnt. Er sprach sich damals für härtere Einschränkungen aus. Eine nächtliche Ausgangssperre werde nicht reichen, um die Verbreitung der Virusmutanten zu verhindern. „Wir haben in England und in Irland gesehen, dass geringfügige Maßnahmen nicht ausreichen. Die Londoner Krankenhäuser waren in einer sehr schwierigen Lage“, warnte Delfraissy.

          Macron setzt sich über Berater hinweg

          Doch Präsident Emmanuel Macron entschied am 29. Januar, den Rat des Beratergremiums auszuschlagen und auf neue Einschränkungen zu verzichten. Es hieß, er habe sich von den Wissenschaftlern „emanzipiert“. Macron sprach von einem „dritten Weg“, den Frankreich in der Pandemie begehe, zwischen Laissez-faire und striktem Lockdown. Doch jetzt hat sich das Infektionsgeschehen so intensiviert, wie es die Berechnungen der Epidemiologen für Mitte bis Ende März vorhergesagt hatten.

          Besonders kritisch ist die Lage an vielen Schulen insbesondere in der Hauptstadtregion. Der Inzidenzwert in der Altersgruppe zwischen zehn und neunzehn Jahren beläuft sich im Großraum Paris auf 835. Doch in der Regierungsfraktion verweist man auf die sozialen Folgen einer Schulschließung. „Ich bin stolz darauf, dass wir die Schulen offen halten. Das ist die stärkste Weise, um gegen Ungleichheit zu kämpfen. Wer kann die Schäden für die Kinder ermessen, die seit Monaten keinen Klassenraum gesehen haben?“, sagte die Abgeordnete Aurore Bergé von La République en marche am Montag.

          Bildungsminister Jean-Michel Blanquer teilte einen Videoclip zur Musik von Pink Floyds „Another brick in the wall“ mit dem Text: „We hate online education“. („Wir hassen online Unterricht“). Er hat wiederholt betont, die Schließung der Schulen könne nur die allerletzte Maßnahme sein. Die Regionalratspräsidentin der Ile-de-France, Valérie Pécresse, hat vorgeschlagen, die Frühlingsferien für den Großraum Paris um zwei Wochen vorzuziehen. Doch bislang hat Präsident Macron den Vorschlag nicht aufgegriffen. Seit Montag müssen Schulklassen schließen, sobald ein Covid-19-Fall gemeldet wird, zuvor waren Klassen nur bei drei Fällen geschlossen worden.

          Präsident Macron hat angekündigt, am Mittwoch einen neuen Corona-Sicherheitsrat im Elysée-Palast einzuberufen. „Die Schlacht der nächsten Tage ist einfach“, sagte Macron im „Journal du Dimanche“. „Wir schauen uns die Effizienz der Eindämmungsmaßnahmen an und werden neue beschließen, sollte das nötig sein“, sagte er. Er betonte, er handele mit „Pragmatismus“. „Es gibt noch Schlimmeres, als seine Fehler nicht einzugestehen, das besteht darin, nichts aus seinen Fehlern zu lernen“, hielt ihm der Regionalratspräsident Nordfrankreichs, Xavier Bertrand, vor.

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