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Corona in Flüchtlingslagern : Muss bald die Armee Moria versorgen?

Nach einem Brand: Polizeieinsatz vor dem Flüchtlingslager Moria Bild: AP

Die hygienische Situation in den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln ist katastrophal. Die Sorge ist groß, dass sich das Coronavirus unter den Migranten ausbreitet. Athen reagiert mit Besuchsverboten und Ausgangssperren.

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          Griechenland sieht sich der Corona-Krise gleich doppelt ausgesetzt: Zu der allerorts anstehenden Herausforderung, die Zahl der Infektionen durch strenge Einschränkungen des öffentlichen Lebens nicht so stark ansteigen zu lassen, dass die Krankenhäuser kollabieren, kommt die Lage in den sogenannten Erstaufnahmelagern auf den griechischen Inseln in der Ägäis hinzu. Die Bedingungen dort widersprechen in allem den Vorsorgemaßnahmen, die derzeit zu befolgen sind.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          In den völlig überfüllten Lagern sind viele Menschen auf engstem Raum zusammengepfercht. In dem Lager Moria auf Lesbos, das für weniger als 3000 Menschen ausgelegt ist, und um das Lager herum harren mehr als 20.000 Personen aus. Auf Samos sieht es zum Teil noch schlechter, auf den anderen Inseln nicht wesentlich besser aus.

          Schon Ende vergangener Woche mahnte deshalb ein Vertreter der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen, die mehr als 40.000 auf den fünf Inseln festsitzenden Migranten müssten sofort von dort ans Festland gebracht und dezentral verteilt werden: „Wir müssen realistisch sein: Es wäre unmöglich, einen Ausbruch (der Krankheit) unter solchen Lagerbedingungen einzuhegen.“

          So gebe es in einigen Teilen von Moria, das nach der Inselhauptstadt Mytilini zum zweitgrößten bewohnten Ort auf Lesbos herangewachsen ist, nur einen Wasserhahn für 1300 Personen. Seife zum Waschen der Hände können sich viele Bewohner nicht leisten. Es sei immer unverantwortlich gewesen, Menschen zum Bleiben in Moria zu zwingen, unter den jetzigen Bedingungen grenze es jedoch an eine Straftat, wenn den Menschen nicht geholfen werde, hieß es von Ärzte ohne Grenzen.

          „Dann bliebe wohl nur der Einsatz der Armee“

          Welche möglichen Folgen der Ausbruch einer Covid-19-Epidemie in den Lagern haben könnte, davon berichtete ein Mitarbeiter einer griechischen Hilfsorganisation, der seinen Namen nicht nennen möchte, der F.A.Z. am Dienstag: „Wir haben jetzt schon erste Mitarbeiter, die sich krankmelden, obwohl sie es nicht sind. Sie haben aber Kinder zu Hause und deshalb Angst“, sagte er einleitend und verwies darauf, dass Schutzmasken oder Handschuhe auch auf den Inseln Mangelware seien. Einige Helfer verlangten, auf dem gleichen Niveau wie Krankenhausmitarbeiter mit Schutzkleidung versorgt zu werden, um ihre Tätigkeit weiter auszuführen.

          Bild: dpa

          Ohne solche Mitarbeiter lasse sich der brüchige Grundbestand an lebenswichtiger Infrastruktur in Elendssiedlungen wie Moria jedoch nicht aufrechterhalten. Diese seien vollkommen darauf angewiesen, von außen versorgt zu werden, insbesondere bei der Verteilung von Nahrung und Trinkwasser. Was also werde geschehen, wenn es tatsächlich zu einem Ausbruch der Krankheit komme und auch die einheimischen Helfer davon betroffen wären – oder aus Angst vor einer Ansteckung ihrer Arbeit fernblieben?

          „Dann bliebe wohl nur der Einsatz der Armee, um die Lager zu versorgen“, mutmaßt der griechische Gesprächspartner. Er erwähnt allerdings auch, dass nur eine ganz kleine Minderheit der Bevölkerung in den Lagern älter als 65 Jahre sei.

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