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Coronakrise in Brasilien : Mit Geklapper gegen Bolsonaro

Will von einer Krise nichts wissen: Jair Bolsonaro, bei einer Fernsehansprache Bild: dpa

Der brasilianische Präsident bezeichnet das Coronavirus als „Grippchen“ und wettert gegen Gouverneure und Medien. Derweil steigt die Zahl der Infizierten im Land. Und die Bevölkerung protestiert.

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          Wenn Präsident Jair Bolsonaro dieser Tage an die Öffentlichkeit tritt, greifen die Brasilianer zu ihren Pfannen und Kochlöffeln und treten ans Fenster, um laut zu protestieren. Auch am Dienstagabend schepperte es wieder in Brasiliens Metropolen, während der Präsident auf allen Kanälen über die Coronakrise sprach. „Unser Leben muss weitergehen. Wir müssen zur Normalität zurückkehren“, sagte Bolsonaro. Einmal mehr verglich er das Coronavirus mit einem „Grippchen“, das ausschließlich Leute im Alter von über 60 Jahren betreffe. „Warum also die Schulen schließen?“

          Tjerk Brühwiller

          Freier Berichterstatter für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          In Brasilien ist die Zahl der Infizierten noch vergleichsweise gering. Am Dienstag lag sie bei etwas mehr als zweitausend. Etwa fünfzig Menschen sind an den Folgen des Virus gestorben. In den kommenden Tagen rechnen Experten aber mit einem steilen Anstieg. Brasiliens Gesundheitsminister geht von einem Kollaps des Gesundheitswesen bis Ende April aus. Während Bolsonaro sich von der Pandemie weitgehend unbeeindruckt zeigt, haben diverse Gouverneure reagiert. In der Wirtschaftsmetropole São Paulo gilt seit Dienstag eine Quarantäne. Fußballstadien und Messezentren werden zu provisorischen Krankenhäusern umfunktioniert. 22 der 27 Gouverneure koordinieren sich inzwischen und umgehen Brasília. Diese greift der Präsident nun scharf an. Die Gouverneure und Bürgermeister sollten „das Konzept der verbrannten Erde“ aufgeben, sagte Bolsonaro. Abermals griff er die Medien an.

          Von allen Seiten – selbst von rechts – kommt Kritik am Präsidenten. Das Land benötige eine seriöse und verantwortungsvolle Führungsfigur, die sich um das Leben und die Gesundheit der Bevölkerung kümmere, sagte etwa der Senatspräsident. Auch die Regierung scheint gespalten. Bolsonaro soll den Gesundheitsminister Luiz Henrique Mandetta, der als sehr kompetent gilt, mehrmals aufgefordert haben, sich an seine politische Linie zu halten. Schon spekulieren Medien über einen Rücktritt Mandettas. Für Unruhe sorgt das unberechenbare Verhalten des Präsidenten offenbar auch im Militär.

          Einige Beobachter sehen hinter Bolsonaros systematischer Verharmlosung der Pandemie und den Angriffen auf Gouverneure und Medien ein Kalkül: Er wolle die wirtschaftlichen Folgen eines Shutdowns ins Zentrum rücken, um anschließend andere dafür verantwortlich zu machen. Dieses Argument könnte verfangen, selbst wenn es dank der drastischen Maßnahmen der Gouverneure gelingen sollte, die Zahl der Infektionen niedrig zu halten und somit Leben zu retten.

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