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Corona in Algerien : Das Virus der Repression

Seuchenbekämfung in Algier: Mit Desinfektionsmittel gegen die Corona-Pandemie Bild: dpa

Das Regime in Algerien nutzt die Corona-Pandemie zur Unterdrückung der Protestbewegung, kritische Journalisten werden verfolgt. Doch die Unzufriedenheit im Land wächst.

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          Am ersten Jahrestag herrschte gähnende Leere auf den Straßen Algeriens. Nach fast zwanzig Jahren im Amt hatte es die Protestbewegung Anfang April 2019 geschafft, nicht nur den greisen und kranken Staatspräsidenten Abdelaziz Bouteflika zum Rückzug zu bewegen. Von der Führung des alten Regimes blieb fast nichts mehr übrig. Doch erst das Coronavirus stoppte die algerischen Demonstranten, die jeden Freitag weiterhin zu Tausenden auf die Straßen gehen und einen wirklichen demokratischen Wandel in ihrem Land fordern. Das Virus zwang die junge „Hirak“-Bewegung zum Rückzug ins Internet und beraubte sie ihres wirksamsten Instruments, um den Druck auf den neuen Präsidenten Abdelmadjid Tebboune aufrechtzuerhalten.

          Hans-Christian Rößler
          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Bouteflikas Nachfolger hatte zwar nach seiner Wahl im Dezember die Hand zum Dialog ausgestreckt. Aber seinen Angeboten folgten kaum Taten. Seit März nutzt das Regime den wegen Covid-19 verhängten Ausnahmezustand und dabei besonders die Ausgangssperre und das Versammlungsverbot, um noch härter gegen seine Kritiker vorzugehen. Im April begnadigte Präsident Tebboune mehr als 5000 Häftlinge; auch in Marokko und Tunesien hatte man sich zu einem ähnlichen Schritt entschlossen, um das Infektionsrisiko in den überfüllten Gefängnissen zu verringern. Ausgenommen blieben in Algerien Häftlinge, die wegen Terrorismus, Korruption, Drogenhandel und Mord verurteilt worden waren – sowie Oppositionelle und unabhängige Journalisten.

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