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Impfen in Russland : Moskau prescht mit Pflichtimpfung vor

Vorbild für Moskau: Ein Mann lässt sich in der russischen Hauptstadt am Donnerstag mit dem Vakzin Sputnik V impfen Bild: Reuters

Moskaus Bürgermeister und drei weitere russische Regionen verpflichten Arbeitgeber, ihre Mitarbeiter gegen das Coronavirus zu impfen. Der Kreml hingegen zögert angesichts der Impfunwilligkeit der Russen.

          3 Min.

          Für unpopuläre Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie ist in Russland vor allem Sergej Sobjanin zuständig. So überließ es Präsident Wladimir Putin im vergangenen Jahr dem Moskauer Bürgermeister, die „Selbstisolation“ genannten Ausgangssperren zu verkünden. Jetzt muss Sobjanin eine Pflichtimpfung sicherstellen, die mindestens eine Million Bewohner der russischen Hauptstadt betrifft: Laut einer Anordnung der Leitenden Sanitärärztin vom Montag müssen Arbeitgeber in Einkaufszentren, Schönheitssalons, Fitnessclubs, Gastronomie, Banken, Post, Theatern, Museen, Kinos, Transport, Gesundheit, Bildung und anderen Bereichen mindestens 60 Prozent ihrer Angestellten impfen.

          Friedrich Schmidt
          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Auch Behörden müssen ihre Mitarbeiter impfen lassen, und zwar bis Mitte Juli mit der ersten Dosis der in Russland zugelassenen Impfstoffe Sputnik V, Epivakkorona oder Covivak und bis Mitte August mit der zweiten. Oder sie wählen Sputnik Light, ein vor Kurzem registriertes Ein-Komponenten-Vakzin der Macher des am meisten verbreiteten russischen Impfstoffs.

          Schlendernde, shoppende und auf E-Scootern herumrasende Moskauer prägen derzeit das Straßenbild der Hauptstadt, Sorglosigkeit herrscht vor. Täglich gibt es Tausende neue Corona-Fälle. Die Sieben-Tage-Inzidenz wird in Russland nicht angegeben; rechnet man anhand der offiziellen Infektionszahlen, lag sie am Donnerstag bei 361. Allerdings dürfte die Dunkelziffer sehr hoch sein, denn getestet wird wenig. Ärzte warnen, dass in zwei Wochen die für Covid-19-Patienten vorgesehenen Krankenhausbetten alle belegt sein werden, wenn das derzeitige Infektionstempo anhält.

          60 Prozent der Russen lehnen Impfung ab

          Am vergangenen Wochenende hatte Sobjanin „arbeitsfreie Tage“ bis zum kommenden Wochenende verkündet. Am Mittwoch schrieb der Bürgermeister in seinem Blog, die Lage entwickle sich weiter dramatisch. Die Impfung sei so lange eine persönliche Angelegenheit, „wie du zu Hause oder auf der Datscha sitzt. Wenn du aber öffentliche Plätze besuchst oder mit anderen Leuten in Berührung kommst, wirst du willentlich oder unwillentlich Teilnehmer des epidemiologischen Prozesses.“ Sobjanin bat um Verständnis für die „sehr schwere“ Entscheidung zur Pflichtimpfung.

          Sogar im privilegierten Moskau kommt Russlands im Dezember angelaufene Impfkampagne nur langsam voran. Bis Ende Mai wurden nur eineinhalb Millionen der mehr als zwölf Millionen Einwohner der Hauptstadt mit mindestens einer Dosis geimpft, obwohl genügend Impfstoff vorhanden und das Angebot kostenlos ist. Doch Umfragen zeigen, dass sich rund 60 Prozent der Russen nicht impfen lassen wollen. Viele misstrauen heimischen Präparaten und staatlichen Behauptungen von Sicherheit und Effektivität und hängen Verschwörungstheorien an.

          Die Machthaber vergrößerten die Verwirrung mit widersprüchlichen Botschaften: Zwar bewerben sie die Impfung, behaupten aber regelmäßig, Russland stehe in der Pandemie viel besser da als andere Länder, sprechen von Corona in der Vergangenheitsform und verkünden „Siege“. Dabei sind die offiziellen Todeszahlen angesichts der horrenden Übersterblichkeit wohl viel zu niedrig.

          Hilft Sputnik V gegen die Delta-Variante?

          Zwar gehen Russlands Machthaber hart gegen ihre Kritiker vor, meiden aber Entscheidungen, die vielen missfallen könnten. Daher schlossen Staatsvertreter eine Pflichtimpfung lange aus, entsprechende Vorstöße wurden rasch zurückgenommen. So verkündete das sibirische Jakutien Ende Mai eine „Pflichtimpfung“, machte daraus dann aber nur eine „Massenimpfung“. Putin selbst bezeichnete die Pflichtimpfung Ende Mai als „nicht zielführend“: Man dürfe so etwas nicht machen, die Bürger müssten selbst erkennen, dass sie ohne Impfung in „tödliche Gefahr“ geraten könnten.

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          Selbst nach Bekanntwerden des Schrittes Sobjanins sagte Putins Sprecher auf die Frage nach einer landesweiten Pflichtimpfung, so etwas gebe es nicht und „weiterhin ist davon keine Rede“. Passenderweise wurde die Moskauer Entscheidung an dem Tag bekannt, als Putin fernab der Misere auf dem Genfer Gipfel mit dem amerikanischen Präsidenten Joe Biden strahlte.

          Der Pflichtimpfung in Moskau und in dem Gebiet um die Hauptstadt schlossen sich rasch das sibirische Gebiet Kemerowo und das fernöstliche Gebiet Sachalin an, weitere Regionen dürften folgen. Stellen die Behörden Verstöße gegen die Impfpflicht fest, drohen Arbeitgebern hohe Geldstrafen. Angestellte, die sich nicht impfen lassen wollen, können von ihrem Arbeitgeber ohne Bezahlung freigestellt werden. Arbeitsmigranten dürfen derzeit allerdings gar nicht geimpft werden, weil sie Ausländer sind. Das mag sich nun ändern.

          Aber eine andere Frage ist, wie gut die russischen Vakzine, zu denen es ohnehin an Daten mangelt, gegen die Virusvarianten helfen. So soll die Delta-Mutante, in Russland meist noch als „indische Variante“ bezeichnet, gut 70 Prozent der Infektionen ausmachen. Alexandr Ginzburg, der Direktor des Gamaleja-Instituts, welches das Sputnik-Vakzin entwickelte, sprach nun von einer in Moskau kursierenden Abwandlung der indischen Variante und behauptete, Labortests hätten ergeben, dass Sputnik V auch dagegen wirke, wenn auch etwas weniger als gegen das Ausgangsvirus, was jedoch „überhaupt nicht kritisch“ sei. Eine Studie dazu steht allerdings noch aus.

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