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Mission Moskau : Hat Argentinien „Sputnik V“ zu eilig zugelassen?

Ein im Gesundheitswesen beschäftigter Argentinier wird am 2. Februar in Buenos Aires mit „Sputnik V“ geimpft. Bild: AFP

Argentinien war das erste große Land, das ganz auf den russischen Impfstoff setzte. „Sputnik V“ bewahrte die Regierung vor einem Impfdesaster. Doch Dokumente legen nahe, dass er überhastet genehmigt wurde.

          3 Min.

          Für den argentinischen Präsidenten war der 29. Dezember vergangenen Jahres ein Tag des Triumphs. Schon zu Weihnachten hatte Alberto Fernández den Argentiniern als Geschenk den Beginn der Impfkampagne ankündigen können; nun startete das Massenimpfen im ganzen Land. Fernández hatte die befürchtete Niederlage der Regierung abgewendet, wegen fehlender Vakzine doch erst 2021 impfen zu können. Und Argentinien war damit das erste große Land nach Russland, das ganz auf den russischen Impfstoff „Sputnik V“ setzte.

          Tjerk Brühwiller
          Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          Die „Mission Moskau“ wird in Argentinien wie in Russland als Erfolgsgeschichte verkauft. Doch die Zulassung des Impfstoffs durch Buenos Aires erfolgte im Eiltempo – und wirft inzwischen Fragen auf. Wie schnell es gehen musste, zeigen Dokumente des Verfahrens, die der argentinischen Zeitung „La Nación“ vorliegen.

          Seitenweise geschwärzte Dokumente

          Als eine Delegation von Mitarbeitern der argentinischen Zulassungsbehörde in ein Flugzeug gen Moskau stieg, war es ihr Ziel, 300.000 Dosen „Sputnik V“ zu bekommen, um den Impfstart noch im Dezember zu sichern. Der Impfstoff war zu diesem Zeitpunkt nur in Russland selbst zugelassen worden. Laut der Dokumente wälzten sich die Argentinier in wenigen Tagen durch zahlreiche Seiten, die ihnen das staatliche Moskauer Gamaleja-Zentrum für Epidemiologie und Mikrobiologie zur Verfügung gestellt hatte – das meiste davon auf Russisch.

          Viele Passagen und ganze Seiten der argentinischen Dokumente sind geschwärzt. Fragen wirft schon das erste offizielle Dokument des Bewilligungsprozesses auf, das auf den 18. Dezember datiert ist und auf dem die Zulassung durch Argentinien aufbaut: Es stützt sich ausdrücklich auf eine Pressemitteilung des Gamaleja-Zentrums – nicht auf einen wissenschaftlichen Bericht.

          Andere Impfstoff-Entwickler hatten ihre Ergebnisse zu diesem Zeitpunkt bereits in der medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet“ publiziert, nicht jedoch das Gamaleja-Zentrum. Doch Buenos Aires wollte nicht abwarten. Und auch Moskau war darauf erpicht, seinen Impfstoff in Umlauf zu bringen. Noch als am 23. Dezember in Moskau das Flugzeug mit den Impfdosen beladen wurde, tauschten das russische Gesundheitsministerium und die Zulassungsbehörde in Buenos Aires in weniger als zwei Stunden mindestens fünf Dokumente aus, um den Bewilligungsprozess abzuschließen.

          Die verantwortlichen Behörden kamen zum Schluss, dass die „möglichen Vorteile“ der Impfung „größer als die bestehenden Unsicherheiten“ seien. Das letzte Dokument des hektischen Postverkehrs enthielt das Urteil der Rechtsabteilung des Gesundheitsministeriums zugunsten einer Notfall-Zulassung von „Sputnik V“ in Argentinien.

          Werbung für Putins Impfstoff

          Neben Präsident Fernández verzeichnete auch Russlands Präsident Wladimir Putin den Deal als einen Sieg für die russische Impfdiplomatie: Staatsmedien zeigten Bilder von der Landung des Flugzeugs der Aerolíneas Argentinas an Heiligabend in Buenos Aires. Nach Impfbeginn gab es dann Aufrufe, Fotos in den sozialen Netzwerken zu veröffentlichen, auf denen die Argentinier mit den Fingern ein V für „Sputnik V“ formen.

          Auch andere Länder Lateinamerikas, die Probleme bei der Beschaffung von Impfstoff hatten, wurden auf den argentinisch-russischen Coup aufmerksam. Ende Dezember hatte die Regierung in Mexiko einen „historischen Tag“ beschworen, als die ersten 3000 Impfdosen von Biontech/Pfizer eintrafen. Doch für das Land mit 130 Millionen Einwohnern war dies eher ein symbolischer Akt. Zwei Wochen später machte sich eine mexikanische Delegation, angeführt vom obersten Pandemie-Bekämpfer des Landes, auf dem Weg nach Buenos Aires, um sich dort über die russische Impfung zu informieren.

          Das Flugzeug mit den ersten Impfdosen aus Russland im Landeanflug am Ezeiza Airport in Buenos Aires am 24. Dezember
          Das Flugzeug mit den ersten Impfdosen aus Russland im Landeanflug am Ezeiza Airport in Buenos Aires am 24. Dezember : Bild: EPA

          Argentinien half dabei, die Brücke nach Moskau zu bauen. Am 25. Januar gab Mexiko den Kauf von 24 Millionen Impfungen aus Russland bekannt. Auch weitere Länder der Region ließen sich von Argentinien überzeugen, das sein „Sputnik“-Dossier an Bolivien, Peru, Uruguay und Chile schickte.

          In Buenos Aires sieht man sich durch die Veröffentlichung im Fachmagazin „The Lancet“ vom 2. Februar, die „Sputnik V“ eine hohe Wirksamkeit bescheinigt, in seiner Taktik bestätigt. Doch es läuft nicht alles glatt mit dem russischen Impfstoff. Ende Januar waren statt geplanter fünf Millionen Dosen nur 820.000 in Argentinien verfügbar. Um der Knappheit vorzubeugen, soll der Impfstoff nun direkt in Argentinien produziert werden. Das nächste Abkommen mit Russland ist in Vorbereitung.

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