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Nach langer Untersuchung : Kommission bemängelt Krisenmanagement in Ischgl

Wieder heiter Sonnenschein?: Skifahrer warten bei Sonnenschein an Liften im Skigebiet der Idalp. Bild: dpa

Tirols Skiort Ischgl erwies sich im März als Corona-Hotspot für Europa. Eine Kommission benennt nun Fehler im Krisenmanagement. Manche Vorwürfe entkräftet sie aber auch.

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          Im Tiroler Skiort Ischgl hätte das Krisenmanagement beim Ausbruch der Coronapandemie im Frühjahr besser ausfallen können. So viel Kritik an den Behörden lässt der Abschlussbericht einer unabhängigen Kommission über das Vorgehen zu. Im März wurde das Gebirgsdorf innerhalb weniger Tage zum Seuchenumschlagplatz für Europa, gut 11.000 Infektionen dürften auf Ischgl zurückzuführen sein. Auch die Abreise Tausender Gäste aus dem Paznauntal geriet außer Kontrolle. Als Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) am 13. März die Quarantäne des Paznauntals verkündete, kam es zu chaotischen Zuständen. Tausende Urlauber verließen Tirol unkontrolliert und trugen das Virus in die ganze Welt.

          Michaela Seiser

          Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

          Wie der Vorsitzende der Kommission, Ronald Rohrer am Montag anlässlich der Vorstellung des Berichts in Innsbruck sagte, war das Zuwarten mit der Verordnung zur Beendigung des Skibetriebes in Ischgl bis zum 12. März aus „epidemiologischer Sicht“ falsch. Der Betrieb der Skibusse und der Seilbahnen sei einen Tag später als erforderlich eingestellt worden. Die Verkündung der Quarantäne über das Paznauntal durch Bundeskanzler Kurz hätte aus Sicht der Experten besser vorbereitet werden müssen. Es habe panikartige Reaktionen bei vielen ausländischen Gästen gegeben, die in Windeseile versucht hätten, die Region zu verlassen. Es habe an der sofortigen Information an die Touristen gefehlt, dass sie über das Wochenende „gestaffelt und kontrolliert“ abreisen sollten.

          53 Menschen befragt

          Entlastet wurde das Land Tirol und dessen Ministerpräsident (Landeshauptmann) Günther Platter (ÖVP) in anderer Hinsicht: Sämtliche Entscheidungen der Verantwortlichen der zuständigen Bezirkshauptmannschaften und die jeweilige zeitliche Abfolge sowie die Vorgangsweise des Landeshauptmannes sei „aus eigenem Entschluss und ohne Druckausübung von dritter Seite erfolgt“. Dieser Befund widerspricht dem in den zurückliegenden Monaten erhobenen Vorwurf von Geschädigten, dass Hotels und Seilbahnwirtschaft ihren Einfluss nach dem Prinzip „Gewinn vor Gesundheit“ geltend gemacht habe. Immerhin hängt die Wirtschaft Tirols stark vom Tourismus ab.

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          Rechtliche Schuldzuschreibungen trifft der rund 300 Seiten starke Bericht nicht. Die Staatsanwaltschaft ermittelt mittlerweile gegen vier Personen wegen Gefährdung von Menschen durch übertragbare Krankheiten. Unter den Beschuldigten sind der Ischgler Bürgermeister Werner Kurz (Bürgerliste) und der Bezirkshauptmann von Landeck, Markus Maaß. Auch sehen sich Behörden mit einer Amtshaftungsklage wegen möglicher Versäumnisse im Zusammenhang mit Covid im Wintersportort Ischgl konfrontiert.

          Mit vier Amtshaftungsklagen gegen Österreich startet der Verbraucherschutzverein (VSV) die Aufarbeitung Tausender Infektionen, zu denen es wegen Behördenversagen gekommen sei. Im Rechtsweg vertritt der VSV vorerst tausend Betroffene. Insgesamt haben sich 6000 Personen aus 45 Staaten gemeldet, darunter sehr viele Deutsche. In diesen Fällen geht es um einen Schadensersatz von rund 300.000 Euro. Der VSV unterstellt den lokalen Behörden in Tirol und den verantwortlichen Bundespolitikern schwere Fehler beim Pandemie-Management in den Skigebieten in den Monaten Februar und März. Die Kommission hatte für den Bericht insgesamt 53 Menschen befragt, darunter Betroffene, Vertreter der Seilbahn- und der Tourismuswirtschaft sowie Verantwortliche auf Bezirks-, Landes- und Bundesebene.

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