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Dramatische Corona-Situation : Polnische Regionen hoffen auf deutsche Hilfe in der Pandemie

Im Fußballstadtion: Ein Notkrankenhaus für Corona-Patienten in Warschau Bild: EPA

An einem Tag verstarben in Polen 637 an Covid-19 Erkrankte. Während die Regierung in Warschau die aus Deutschland angebotene Hilfe weiter verschmäht, sind die Regionalregierungen umso dankbarer.

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          Aus Polen, wo die erste Welle der Pandemie einen relativ milden Verlauf genommen hatte, werden mittlerweile viele Neuinfektionen und ein ungewöhnlicher Anstieg der Todesfälle gemeldet. Am Donnerstag meldete Polens Gesundheitsministerium, dass am Mittwoch 124 Personen am Coronavirus und weitere 513 „aufgrund des Zusammenwirkens von Covid-19 mit anderen Krankheiten gestorben“ seien. Die Zahl von 637 Toten ist ein neuer Rekord; neu infiziert hatten sich am Mittwoch 23.975 Personen. Besonders ungünstig hat sich die Positivrate entwickelt: Am Mittwoch wurden gut 58.000 Personen getestet, was bedeutet, dass etwa 40 Prozent der getesteten Personen tatsächlich infiziert waren. Die Testpraxis in Polen ist vergleichsweise restriktiv.

          Gerhard Gnauck
          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Noch schlimmer sehen die Zahlen aus, die der Analytiker Kamil Pastor vorlegte. Pastor schrieb unter Berufung auf die polnische und die EU-Statistikbehörde, in allen 16 Wojewodschaften (Bezirken) Polens sei in der letzten Oktoberwoche ein ungewöhnlicher Anstieg der Todesfälle zu bemerken. Während es über die Jahre pro Woche durchschnittlich etwa 7800 Todesfälle gab, waren es in jener Woche 14.115. Auch nach Abzug der offiziellen Corona-Toten bleibt ein Überhang von etwa 4970 Todesfällen.

          Das dürften vor allem nicht ausgewiesene Corona-Opfer sein, womöglich auch Personen, die an anderen Krankheiten gestorben sind und aufgrund der Überlastung des Gesundheitswesens nicht gerettet werden konnten. Relativ zur Bevölkerungszahl hatte Polen in den vergangenen Wochen allein laut offiziellen Zahlen zwei- bis dreimal so viele Corona-Neuinfektionen wie Deutschland. Laut dem Gesundheitsministerium sind 2080 von 2888 Beatmungsgeräten für Corona-Patienten inzwischen belegt. Besser sieht es bei den Betten für Corona-Patienten aus, von denen 22.536 von 37.348 belegt sind. Viele Städte richteten Notkrankenhäuser ein.

          Steinmeiers Brief und Dudas Antwort

          Polens Regierung versucht derweil, den Eindruck zu erwecken, man habe die Lage im Griff. Das war auch die Antwort, als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier seinem an Covid-19 erkrankten polnischen Amtskollegen Andrzej Duda Ende Oktober schrieb: „Bitte lass mich wissen, wenn es Dinge gibt, die wir für Polen in der aktuellen Lage tun können.“ Duda, wenig später genesen, dankte per Brief für diese „Geste der Solidarität“ und versicherte, „dass auch Polen, sollte der Bedarf entstehen, bereit ist, mit Deutschland eng zusammenzuarbeiten, um die Auswirkungen der Pandemie zu bekämpfen“. Umgekehrt könne Deutschland auf Polen zählen. Bisher komme Polen allein klar, war die von Regierungspolitikern mehrfach wiederholte Botschaft.

          Als sich die Lage verschlimmerte, meldete sich eine Abgeordnete der nationalkonservativen Regierungspartei PiS zu Wort. Joanna Lichocka forderte, die deutschen Bundesländer sollten polnische Ärzte, die in Deutschland arbeiten, „für die Zeit der Pandemie nach Polen delegieren“. Die Arbeitgeber sollten ihnen dafür unbezahlten Urlaub geben. Darauf antwortete der Arzt Bogdan Milek, Vorsitzender der Polnischen Medizinischen Gesellschaft in Deutschland, direkt an PiS-Chef Jaroslaw Kaczynski: Er und Tausende seiner Kollegen seien wegen besserer Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen nach Deutschland gegangen, wo auch die „Freiheit des Einzelnen“ größer sei.

          Thüringen könnte Patienten aufnehmen

          Führende Politiker aus mehreren Wojewodschaften fühlen sich von der Regierung nicht ernst genommen und haben deutsche Bundesländer direkt um Unterstützung gebeten, wie Anfragen der F.A.Z. ergaben. So wandte sich Masowien, die Region um Warschau, an Brandenburg und Sachsen-Anhalt und fragte unter anderem nach Beatmungs- und EKG-Geräten sowie nach Antigentests. Beide Bundesländer hätten ihre Hilfsbereitschaft erklärt, jetzt arbeite man an den Details, heißt es in Masowien. Jede Hilfe in dieser Lage sei „Gold wert“.

          In Rheinland-Pfalz heißt es, man habe aus Oppeln eine Anfrage bekommen und arbeite daran. Mindestens ein Bundesland wurde auch angefragt, ob polnische Patienten nach Deutschland gebracht werden könnten. Thüringen teilte mit, der Ministerpräsident habe Kleinpolen „Unterstützung angeboten, die mit einiger Verzögerung angenommen wurde. Dabei ging es um medizinisches Personal, Beatmungsgeräte, Schutzausrüstung und Krankenhausausstattungen. Die Sendung von Material wird derzeit geprüft.“ Thüringen „wäre auch bereit, Patienten aufzunehmen, wenn das gewünscht wird“.

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