https://www.faz.net/-gpf-a3ple

Nordkorea erschießt Überläufer : Tod in einem kritischen Moment

Südkoreanische Soldaten an der Grenze zu Nordkorea in der Nähe von Paju im August 2014 (Symbolbild) Bild: dpa

Nordkoreanische Soldaten sollen einen südkoreanischen Beamten erschossen haben. Womöglich aus Furcht vor Corona. Gerade noch setzte sich Südkoreas Präsident für ein Friedensabkommen ein.

          2 Min.

          Nordkorea hat nach Angaben des südkoreanischen Militärs an der Grenze zwischen den beiden Ländern einen südkoreanischen Ministerialbeamten erschossen und anschließend verbrannt. Der Generalstab in Seoul beruft sich dabei auf Geheimdienstinformationen. Das Motiv der Tat ist unbekannt. Südkoreas Militär vermutet, dass Nordkorea den Mann aus Angst vor dem Coronavirus getötet hat. Sollte sich der Fall bestätigen, wäre es das erste Mal seit 2008, dass Nordkorea einen südkoreanischen Zivilisten auf seinem Gebiet erschossen hat.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Südkorea verurteilte die Tat aufs schärfste. Präsident Moon Jae-in sprach von einem schockierenden Vorfall, der auf keinen Fall toleriert werden dürfe. Er forderte Nordkorea auf, verantwortungsvoll zu reagieren. Südkoreas Militär sprach von einem grausamen Akt und forderte eine Bestrafung der Schuldigen. Die offizielle Reaktion Südkoreas auf den Vorfall ist indes vielschichtig. Ein Vertreter des Präsidialamts sagte, der Vorfall verletze nicht konkrete Absprachen zwischen den beiden koreanischen Staaten in ihrem Militärabkommen aus dem Jahr 2018. Der Vorfall verstoße aber gegen den Geist des Abkommens, hieß es. Nordkorea äußerte sich am Mittwoch zu dem Vorfall nicht.

          Der 47 Jahre alte Mitarbeiter des südkoreanischen Fischereiministeriums war am Montagmorgen von einem Patrouillenboot in der Nähe der Insel Yeongpyeong an der Westseite Koreas verschwunden. Auf dem Schiff wurden nur noch seine Schuhe gefunden. Nach südkoreanischen Angaben soll der Mann versucht haben, in den Norden zu fliehen. Er soll vor Kollegen über seine hohen Schulden geklagt haben. Am Dienstagnachmittag habe dann ein nordkoreanisches Boot den Mann nördlich der Grenzlinie entdeckt, etwa 38 Kilometer vom Ort seines Verschwindens entfernt. Der Mann habe eine Rettungsweste getragen und sich an Treibgut festgehalten. Nach Angaben des südkoreanischen Militärs sprachen die Nordkoreaner, die Gasschutzmasken trugen, mit dem noch im Wasser befindlichen Mann. Am frühen Abend soll der Mann dann von einem nordkoreanischen Patrouillenboot aus erschossen und später mithilfe von Benzin verbrannt worden sein. Welche höhere Stelle dazu den Befehl erteilt habe sei unbekannt, hieß es von südkoreanischen Militärvertretern.

          Nordkorea hat nach eigenen Angaben keine Infektion mit dem Coronavirus, was Beobachter in Südkorea wegen der langen Grenze mit China und Russland bezweifeln. Das Regime in Pjöngjang greift rigoros durch, um ein Einschleppen des Virus zu verhindern. Machthaber Kim Jong-un hat eine Verschärfung des Grenzschutzes angeordnet. Angehörige einer nordkoreanischen Spezialtruppe hätten einen Schießbefehl gegen mögliche Schmuggler aus China erhalten, um eine Einschleppung des Virus zu verhindern, sagte in diesem Monat der Befehlshaber der in Südkorea stationierten amerikanischen Truppen, Robert Abrams. Es ist unklar, ob solch ein Schießbefehl auch Richtung Süden erteilt wurde.

          Die Online-Flatrate: F+
          FAZ.NET komplett

          Sichern Sie sich alle aktuellen Informationen und Hintergründe zur Präsidentenwahl

          Jetzt F+ für nur 1€/Woche lesen

          Die Sorge Nordkoreas vor Coronaviren aus dem Süden aber ist groß. Im Juli war ein nordkoreanischer Flüchtling, der drei Jahre lang in Südkorea gelebt hatte, über die scharf bewachte innerkoreanische Grenze in den Norden zurückgekehrt. Nordkorea erklärte, dass der Mann Symptome einer Corona-Virusinfektion aufwies. Das nordkoreanische Regime riegelte danach die Stadt Kaesong in der Nähe der Grenze ab.

          2008 hatten nordkoreanische Soldaten eine Südkoreanerin erschossen, die in einem von Nord- und Südkorea gemeinsam betriebenen Tourismuszentrum am Kumgang-Gebirge im Südosten Nordkoreas ihren Urlaub verbrachte. Die Frau hatte beim Spaziergang angeblich nordkoreanisches Sperrgebiet betreten. Der Vorfall führte zu einer drastischen Verschlechterung der innerkoreanischen Beziehungen.

          Auch jetzt kommt der Todesfall an der Grenze in einem kritischen Moment. In Südkorea dürfte er das Misstrauen gegen das nordkoreanische Regime schüren. Nordkorea hatte als Signal an Seoul im Juni das von Südkorea bezahlte innerkoreanische Verbindungsbüro in Kaesong gesprengt und danach die Kontakte und Verbindungslinien zum Süden abgebrochen. Alle Versuche des südkoreanischen Präsidenten Moon zu einer Wiederaufnahme der Gespräche sind bislang verpufft. Moon hatte noch am Mittwoch in einer digital übertragenen Rede vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen dazu aufgerufen, dass die beiden koreanischen Staaten eine Erklärung zum Ende des Krieges unterzeichnen sollten.

          Weitere Themen

          Little Seoul im Taunus

          FAZ Plus Artikel: Koreanische Community : Little Seoul im Taunus

          In der Rhein-Main-Region lebt eine der größten koreanischen Communitys Europas. Städte wie Oberursel, Eschborn oder Kronberg bieten fast alles, was ihr Herz begehrt. Inklusive Kieferorthopädie auf Koreanisch.

          „Wir werden nie wieder ein Lockdown machen“ Video-Seite öffnen

          Trumps Große Versprechen : „Wir werden nie wieder ein Lockdown machen“

          Der Bundesstaat Florida könnte für den Wahlausgang am 3. November eine wichtige Rolle spielen. In dem Bundesstaat gibt es große lateinamerikanische Bevölkerungsgruppen. Die kubanischen Amerikaner im Süden tendieren traditionell zu den Republikanern, die Puerto Ricaner in Zentralflorida eher zu den Demokraten.

          Topmeldungen

          Der belgische Premierminister Alexander De Croo informiert die Bürger nach den Beratungen über verschärfte Corona-Maßnahmen am Freitagabend.

          Corona-Spitzenreiter : Belgien scheut den Lockdown

          Belgien hat die höchste Infektionsrate in Europa. Die Maßnahmen werden verschärft, aber einen Lockdown wird es vorerst nicht geben. Aus Sicht von Fachleuten ist das viel zu wenig.
          Der republikanische Senator Lindsey Graham spricht am 17. Oktober auf einer Wahlkampfkundgebung

          Senatswahl in Amerika : Die Angst der Republikaner

          Können die Demokraten Weißes Haus, Repräsentantenhaus und Senat in ihre Hand bringen? Die Republikaner fürchten den Verlust ihrer Mehrheit, weil sogar einst sichere Sitze in Gefahr sind.
          Kathleen Krüger (rechts, mit Joshua Kimmich) gewann als Teammanagerin beim FC Bayern die Champions League.

          Frauen im deutschen Fußball : Wo bleibt Fritzi Keller?

          Über Jahrzehnte verbot und verhinderte der Deutsche Fußballmänner-Bund aktiv die Entwicklung der Frauen. Ihre aktuelle Rolle ist immer noch geprägt von weitgehender Abwesenheit. Es gibt eine einsame Ausnahme – und noch zu wenige positive Entwicklungen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.