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Corona in Krisenregionen : Die Ruhe vor dem Doppelsturm

  • -Aktualisiert am

Protest in Corona-Zeiten: Trotz der Pandemie gehen im März Regierungskritiker in Bagdad auf die Straße Bild: AP

Der Nahe Osten und die Länder Nordafrikas leiden schon jetzt unter einer Wirtschaftskrise. Die Corona-Pandemie heizt diese noch weiter an. Wenn wir jetzt nicht helfen, drohen Bürgerkriege und Terrorismus. Ein Gastbeitrag.

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          Selbst für eine krisengeschüttelte Region wie den Nahen/Mittleren Osten und die MENA-Staaten in Nordafrika ist das, was sich dort derzeit zusammenbraut, beispiellos. Zunächst brach Anfang März der Ölpreis um fast 50 Prozent ein. Was viele hierzulande freut, weil sich Benzin und Heizöl erheblich verbilligt haben, wirkt in der MENA-Region wie ein wirtschaftlicher Tsunami. Denn fast alle Staaten dort profitieren direkt oder indirekt von einem hohen Ölpreis. Die Staatseinnahmen der reichen arabischen Golfstaaten wie Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate oder Kuweit sind von den Einnahmen aus den Verkäufen von Öl- und Gasprodukten abhängig. Der jüngste Preissturz führt daher zu enormen Einnahmeausfällen.

          Wenn sie sich nicht verschulden oder die Mittel ihrer Staatsfonds verbrennen wollen, bleibt ihnen nur die Möglichkeit, die staatlichen Investitionen zurückzufahren oder die Einnahmeausfälle über Subventionskürzungen oder die Einführung von Steuern zu kompensieren. Doch die Bürger in diesen autokratisch geführten Staaten sind es gewohnt, für den Verzicht auf politische Teilhabe einen gewissen Teil des Rohstoffreichtums in Form von finanziellen Wohltaten zu erhalten, zum Beispiel durch Einkommensteuerfreiheit oder Subventionen aller Art. Unmittelbare finanzielle Belastungen für sie sind daher selbst in diesen reichen Ländern nur in geringem Umfang möglich, sofern die Staatsführung keinen Aufstand riskieren möchte.

          Omid Nouripour im August 2017 in Frankfurt

          Es bleibt in der Reaktion auf den Ölpreissturz in den reichen Golfstaaten daher vor allem bei einer Kombination aus Verschuldung, Abschmelzen von Finanzreserven und Reduzierung der Staatsinvestitionen. Da auch die Privatwirtschaft zum Großteil von staatlichen Investitionen abhängig ist, führt ihr Rückgang früher oder später zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit.

          Dabei erwischt es insbesondere auch die hunderttausenden Gastarbeiter aus den ärmeren arabischen Ländern, die in den Golfstaaten arbeiten, um einen Großteil ihres Lohns an ihre Familien zuhause zu überweisen. Diese Überweisungen fallen damit aus und treffen die Heimatländer hart. Hinzu kommt, dass die Golfstaaten auch direkt in viele dieser Länder investieren und sie mit Krediten versorgen. Bedenkt man, dass die meisten Menschen in diesen Ländern ohnehin unter hoher Arbeitslosigkeit, schmerzlicher Armut und Vernachlässigung durch den Staat – beispielsweise im Gesundheitsbereich – leiden, lässt sich erahnen, unter welch enormem Druck diese Dynamiken die Regierungen jetzt setzen werden.

          Diese für sich bereits hochproblematischen Entwicklungen werden durch die Corona-Pandemie beschleunigt. Der beschäftigungsintensive Tourismussektor der Golfstaaten aber auch von Staaten wie Ägypten oder Tunesien bricht derzeit komplett zusammen. Für die beiden letzteren löst sich damit auch eine zentrale Devisenquelle in Luft auf. Die Situation ist jedoch noch weit dramatischer. Denn die in nahezu allen MENA-Ländern inzwischen verhängten Ausgangsbeschränkungen führen in Richtung Stillstand fast aller wirtschaftlichen Aktivitäten.

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