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Corona-Pandemie : Ein Pearl-Harbor-Moment

Dunkle Wolken über dem Zentrum von Los Angeles Bild: AFP

Covid-19 stellt nicht nur Europa, sondern die Welt vor eine epochale Herausforderung. Ein Zurück zum Status quo ante wird es vermutlich nicht geben.

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          Es sind die historischen Analogien, welche die Bedeutung der Corona-Pandemie und deren Folgen für Gesellschaften und Länder, für die Staatenwelt und Weltwirtschaft erfassbar machen sollen: „Das ist unser Pearl-Harbor-Moment, unser 9/11“, ist der oberste Gesundheitsbeamte der Regierung Trump überzeugt. Henry Kissinger, Doyen der internationalen Politik, formuliert es so: Die Pandemie werde die Weltordnung für immer ändern. „Der politische und wirtschaftliche Umbruch, den das Virus in Gang gesetzt hat, könnte noch Generationen dauern.“ Mit anderen Worten: Die Dramatik dessen, was sich gegenwärtig vollzieht und was wir als gravierende alltagsweltliche Eingriffe verschiedenster Art erleben, entzieht sich weitgehend gängiger Einordnungen.

          Das gilt zunächst für die Wirtschaft. In den Vereinigten Staaten hat der wirtschaftliche Stillstand die jahrelange Expansion abrupt beendet. Die Arbeitslosigkeit ist sprunghaft gestiegen, so schnell wie noch nie. Düster sind die Prognosen für viele Länder. Ausnahmslos werden drastische Einbrüche vorhergesagt. Zwangsläufig steht somit auch der Welthandel vor dem Kollaps. Wie tief dieses weltwirtschaftliche Tal der Tränen ist, wie beschwerlich der Wiederaufstieg sein wird, kann niemand sagen. Nur sollte man nicht glauben, dass die Zukunft nahtlos an die Vergangenheit anschließen werde. Ein Zurück zum Status quo ante wird es vermutlich nicht geben.

          Historische Prozesse könnten sich beschleunigen

          Nicht weniger markant dürften die welt- und geopolitischen Verwerfungen von Covid-19 sein; zumindest könnten sich historische Prozesse beschleunigen. Damit sind in erster Linie der scheinbar ungebremste Aufstieg Chinas und der Rückzug der Vereinigten Staaten aus ordnungspolitischen Verantwortlichkeiten gemeint. China, wo die Epidemie ihren Ausgang nahm, hat es geschafft, das Blatt zu wenden und mit Hilfe einer Corona-Diplomatie Sympathiepunkte zu gewinnen; ob dieser (Propaganda-)Erfolg von Dauer sein wird und die frühe Vertuschung vergessen machen kann, bleibt abzuwarten.

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          Was Amerika anbelangt, liefern zwei Vergleiche Anschauungsmaterial: Als die Ebola-Krise vor ein paar Jahren ausbrach, organisierte der damalige Präsident Barack Obama eine große internationale Koalition. Dessen Vorgänger, George W. Bush, mobilisierte am Ende seiner zweiten Amtszeit die maßgeblichen wirtschaftlichen Mächte zu einer gemeinsamen Kraftanstrengung, um den Absturz in der Finanzkrise, so gut es ging, abzufedern. Präsident Trump hat nicht nur spät reagiert, er hat auch derlei Initiativen nicht unternommen. Während das Virus bis in die hintersten Winkel der Welt vorgedrungen ist, hat sich die Supermacht Amerika nicht zur Führung aufgerafft. An den erschreckenden Infektions- und Todeszahlen hat das nichts ändern können. „America first“ hat dem nicht Einhalt geboten.

          Dabei blicken die Amerikaner selbst mit Realismus auf die Pandemie (und mit wachsender Besorgnis auf Chinas Macht- und Einflusszunahme). In Covid-19 sehen sie die größte Bedrohung; sie sind, wichtiger noch, mit überwältigender Mehrheit für internationale Zusammenarbeit, um die Krankheit einzudämmen. Diese Kooperationspräferenz haben sie auch bei anderen Bedrohungsarten.

          Die Corona-Krise, hat Papst Franziskus gesagt, stelle die Europäer vor eine epochale Herausforderung. Nicht nur sie: Die ganze Welt steht davor. Deswegen kommt es darauf an, sie gut und gemeinsam zu meistern.

          Klaus-Dieter Frankenberger

          verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

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