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Corona-Ausbruch : Dem Jemen droht ein Albtraum

Ein medizinischer Mitarbeiter steht im Krankenhaus vor einem Bett in einem Isolationsraum in der Quarantänestation für Patienten, die mit Coronavirus infiziert sind. Bild: dpa

Aus einem Krankenhaus in Aden kommen Berichte über Fällen mit den üblichen Symptomen von Covid-19. Die Verdachtsfälle haben sich zunächst als unbegründet herausgestellt. Ein Ausbruch würde das Land schwer treffen.

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          Den Galgenhumor hat er noch nicht verloren. „Die Blockade hatte wenigstens eine gute Seite“, sagt ein Einwohner der jemenitischen Hauptstadt am Telefon: als Bollwerk gegen das Coronavirus. Seit Jahren werden die von den Houthi-Rebellen beherrschten Regionen im Norden des Jemens durch eine von Saudi-Arabien geführte Koalition weitgehend abgeriegelt. Seit fünf Jahren zieht diese gegen die von Iran geförderten Houthi zu Felde. Jetzt riegeln die Houthi ihr Herrschaftsgebiet jedoch selbst ab, denn dem geschundenen Land droht eine weitere Katastrophe. Noch gibt es zwar keinen offiziell bestätigten Corona-Fall, doch das scheint nur eine Frage der Zeit.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Ein massenhafter Ausbruch des Virus im Jemen dürfte verheerende Folgen haben. Lise Grande, die Nothilfekoordinatorin der Vereinten Nationen, spricht von einem „möglichen Albtraum“. Der Bevölkerung stecken Gewalt, Vertreibung, Hunger und der schlimmste Cholera-Ausbruch der modernen Geschichte in den Knochen. „Wir haben eine geschwächte Bevölkerung und ein Gesundheitssystem, das nicht in der Lage ist, zu reagieren, weil es systematisch ausgehöhlt und überlastet wurde in fünf Jahren ständigen Konflikts“, sagt Grande. Es dürfte schwer sein, die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen. Schon Schutzmaßnahmen wie regelmäßiges Händewaschen sind in einem Land, in dem ein eklatanter Mangel an sauberem Wasser herrscht – von Schutzkleidung oder Desinfektionsmitteln ganz zu schweigen – kaum möglich.

          Die Zahlen der UN, die abbilden, wie groß die humanitäre Not im Jemen ist, sind beängstigend: Gut 24Millionen Menschen, mehr als zwei Drittel der etwa 28 Millionen Jemeniten, brauchen humanitäre Unterstützung; etwa siebeneinhalb Millionen sind ständig von Hunger bedroht. Schätzungen von Experten sehen die Mortalitätsrate bei Infektionen mit dem Coronavirus im Jemen deshalb deutlich höher als in anderen Ländern. Im allerschlimmsten Fall könnte sie demnach zweistellig sein. Im ganzen Land, so heißt es weiter, gebe es gerade einmal 30 bis 40 Intensivbetten. Es hilft nicht, dass die Beziehungen zwischen den Houthi-Rebellen und den UN-Organisationen angespannt sind. UN-Mitarbeiter klagen, ein Schiff mit 79 Containern an Bord werde seit etwa zwei Wochen im Hafen von Hudaida aufgehalten.

          Die Houthi haben schon Anfang März begonnen, die Grenzen abzuriegeln. Der Flughafen in Sanaa ist für die internationalen Helfer geschlossen, die regelmäßig aus dem Jemen ins sichere Ausland reisen. Sie könnten sich dort schließlich infizieren. Auch die Landverbindung in die südlichen Regionen, die der Regierung von Präsident Abd Rabbo Mansur Hadi unterstehen, wurden gekappt. Es vergingen einige Tage, bis Hadi und seine Mannschaft den Flughafen im südjemenitischen Aden schlossen, von wo unter anderem das von der Corona-Krise betroffene Ägypten angeflogen wurde.

          Auch aus dem benachbarten Saudi-Arabien, wo Heerscharen jemenitischer Gastarbeiter leben, könnte das Virus unbemerkt in den Jemen gelangt sein. Die Jemeniten sind im Zuge der Corona-Krise schon länger nicht mehr willkommen auf dem Arbeitsmarkt des Königreiches. In den vergangenen Wochen soll die Zahl der Rückkehrer laut der jemenitischen Presse merklich gestiegen sein. Tausende wurden an der Grenze von den Houthi in Zwangsquarantäne verwiesen – ohne dass diese angemessene Einrichtungen bereitgestellt hätten. Also eilten in den vergangenen Tagen ausländische Nothelfer mit Zelten, Decken, Nahrungsmitteln und Hygieneartikeln ins Grenzgebiet.

          Die Lage ist angespannt, von einem „Zusammenbruch des Friedensprozesses“ ist schon die Rede. Im Norden sind die Houthi militärisch auf dem Vormarsch und bedrohen inzwischen Marib, die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz – noch eine Oase der Ruhe und eine wirtschaftliche Bastion, wo etwa 800000 Binnenvertriebene Zuflucht gefunden haben. Die schiitischen Rebellen seien derzeit zu selbstbewusst, um kompromissbereit zu sein, sagen Diplomaten.

          Während sich der Krieg im Norden zuspitzt, droht im Süden eine neue Konfrontation. Vertreter der südjemenitischen Separatisten verkünden den „Kollaps“ des Abkommens von Riad, mit dem der Machtkampf zwischen den Sezessionisten und der Hadi-Regierung beigelegt werden sollte. Beide Seiten, nominelle Alliierte im Krieg gegen die Houthi, verstärken derzeit wieder ihre Truppen, berichtet ein ranghoher Funktionär der Separatisten. Die als korrupt und ineffektiv verschriene Hadi-Regierung bleibt trotz aller Rückschläge an allen Fronten stur. Ein westlicher Diplomat fasst es in die Formel: „Hadi und seine Mannschaft sind in intellektueller Quarantäne.“

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