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Corona-Chaos in Frankreich : Verzweifelte Lehrer, wütende Eltern

Grundschule in Lille Anfang September Bild: AP

„Erschöpfung und Verzweiflung in noch nie dagewesenem Ausmaß“: Die Lehrer in Frankreich haben das lasche Corona-Management des Bildungsministers satt. Andere europäische Länder waren weniger zurückhaltend.

          3 Min.

          In Frankreich haben an diesem Donnerstag nach Gewerkschaftsangaben 75 Prozent der Lehrer gestreikt. Grund für die Arbeitsniederlegungen war das chaotische Krisenmanagement während der Omikron-Welle, die besonders viele Kinder und Jugendliche trotz Impfungen trifft. „Erschöpfung und Verzweiflung der gesamten Bildungsgemeinschaft hat ein noch nie dagewesenes Ausmaß erreicht", heißt es in einer gemeinsamen Erklärung von elf Gewerkschaften.

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.
          Stephan Löwenstein
          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.

          „Die Verantwortung des Ministers und der Regierung in dieser chaotischen Situation ist total, weil sich die Grundlagen ständig ändern, die Protokolle nicht funktionieren und es an geeigneten Instrumenten fehlt, um zu gewährleisten, dass die Schulen ordnungsgemäß funktionieren können“, so die Gewerkschaften in seltener Einmütigkeit. Auch die Elternverbände haben sich dem Protest angeschlossen. Im Bildungsministerium stehen die Telefone nicht mehr still, so viele Beschwerden von Eltern gab es in den letzten Tagen.

          Das Credo Präsident Emmanuel Macrons, die Schulen in der Pandemie offen zu halten, erweist sich immer mehr als Fluch. Das liegt auch an Bildungsminister Jean-Michel Blanquer, einst ein Star der Regierung, der es aus Kostengründen ablehnte, die Klassenräume mit CO2-Messgeräten nachzurüsten und umfassende Tests an allen Schulen zu organisieren.

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          „Form der Verachtung für die Pädagogen“

          Den Pädagogen werden auch keine FFP2-Masken zur Verfügung gestellt, wie es die Lehrergewerkschaften gewünscht hatten. Das französische Beratungsgremium Haut Conseil de Santé public sprach sich in einer Stellungnahme diese Woche gegen einen breiten Einsatz der FFP2-Masken wie in Deutschland oder Österreich aus. Doch in den Klassenräumen häufen sich die Infektionen mit der ansteckenden Omikron-Variante, obwohl die Schüler medizinische Masken tragen. Bildungsminister Blanquer hielt den Gewerkschaften vor: „Ein Virus kann man nicht bestreiken.“

          Der Vorsitzende der gemäßigten Gewerkschaft CFDT, Laurent Berger, sagte am Donnerstag im Radiosender France Info: „Dieser Streik richtet sich nicht gegen das Virus, sondern gegen den Mangel an Konzertierung und eine Form der Verachtung für die Pädagogen.“ Er beklagte die ständigen Änderungen der Regeln für Kontaktpersonen an den Schulen.

          Die Regierung hatte die Forderung der Opposition abgelehnt, die Weihnachtsferien angesichts des extrem hohen Inzidenzwertes von annähernd 3000 landesweit um eine Woche zu verlängern. Der Bildungsminister gab die Hygieneschutzbestimmungen für die Schulen erst am Vorabend des Schulbeginns in einem Zeitungsgespräch bekannt, das wegen einer Bezahlschranke gar nicht allgemein zugänglich war.

          „Die Lehrer und das gesamte Erziehungspersonal opfern sich auf, aber jetzt können sie einfach nicht mehr“, sagte Gewerkschaftschef Berger. Er plädiere nicht für eine Schließung der Schulen, sondern für einen Dialog, der zu einem effizienten Infektionsschutz zugunsten der Schüler und Lehrer führe.

          Österreich ist am strengsten

          Während in Frankreich die Lehrer streiken, weil es keine regelmäßigen Tests an den Schulen gibt, will die italienische Regierung damit jetzt im großen Stil beginnen. Bislang gab es keine einheitlichen Testregeln für den Schulbetrieb. Die Regierung in Rom hat vor Kurzem rund 92 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, damit Schüler nicht mehr wie bisher in solchen Fällen die Kosten von acht Euro pro Test selbst übernehmen müssen.

          In anderen Ländern wie Spanien, Großbritannien, Belgien oder den Niederlanden, die stark von der Pandemie betroffen sind, gibt es keine anlasslosen Corona-Tests in den Schulen. Größere Proteste gibt es hier nicht. Nach Ansicht der spanischen Regierung sind die Schulen „sichere Orte“ – trotz einer Sieben-Tage-Inzidenz von fast 1500 Fällen. In Großbritannien empfiehlt die Regierung Schülern ab elf Jahren und Lehrern, sich zweimal in der Woche zu Hause zu testen. In Belgien hängt der Verzicht auf Corona-Tests in den Schulen auch damit zusammen, dass Schnelltests generell nicht so verbreitet sind wie in Deutschland.

          Strengere Test- und Quarantäneregeln als an deutschen Schulen gibt es nur in Österreich. Hier wird jede Person dreimal in der Woche getestet, davon zweimal mit PCR-Gurgeltests. Derzeit lautet die Vorgabe, dass eine Klasse für fünf Tage in den Fernunterricht geschickt wird, wenn mehr als eine Person darin coronapositiv ist. Seit Schulbeginn am vorigen Montag seien landesweit 30 Klassen im „Distance Learning“, sagte Bildungsminister Martin Polaschek zuletzt.

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