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Die Schweiz und Covid-19 : Jodelkonzert führt zu „einem der europaweit schlimmsten Ausbrüche“

Vorbildlich: Anders als die Jodler in Schwyz tragen diese Zuschauerinnen eines Alpabzuges im Kanton Freiburg einen Mund-Nasen-Schutz. Bild: dpa

In der Schweiz steigen die Infektionszahlen viel stärker als in Deutschland. Nun vereinheitlicht die Regierung in Bern die von Kanton zu Kanton unterschiedlichen Maßnahmen.

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          Als eine der Regionen mit der geringsten Corona-Infektionsgefahr in der Schweiz galt lange der Kanton Schwyz. Doch das ist nun Vergangenheit. „Aktuell haben wir in Schwyz einen der europaweit schlimmsten Ausbrüche von Covid-19“, sagte Reto Nüesch, Chefarzt des Kantonsspitals Schwyz, in einem Video, welches das Krankenhaus kürzlich ins Netz gestellt hat. Nüesch sendete ein Alarmsignal, wie man es bisher nur aus Krankenhäusern in Italien oder Spanien kannte: „Die Situation im Spital ist zunehmend schlimm. Wir haben immer mehr Patienten, denen es wirklich schlecht geht.“

          Johannes Ritter
          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Dass der Kanton Schwyz, gemessen am Verhältnis der Infektionen zur Einwohnerzahl, schlagartig zu einem der am stärksten betroffenen Gebiete geworden ist, hängt mit einer Gesangsveranstaltung zusammen. Ende September kamen rund 600 Zuschauer zu zwei Aufführungen des Jodel-Musicals „Uf immer und ewig“ in einer Mehrzweckhalle zusammen. Dort wurde zwar darauf geachtet, dass die Besucher in einem gewissen Abstand voneinander saßen. Aber eine Maskenpflicht bestand nicht, auf der Bühne standen die Jodler dicht an dicht. So herrschte im Raum freie Bahn für die Aerosole, die gerade beim Singen in großen Mengen ausgestoßen werden. Neben dem Jodelkonzert verursachten auch Volksfeste und private Feiern exponentiell steigende Infektionszahlen.

          Sonderregelungen für Einkaufstouristen

          Auch in der gesamten Schweiz steigt die Zahl der Neuinfektionen rasant. Je Million Einwohner wurden kumuliert 9600 Covid-19-Fälle gezählt. Das ist mehr als doppelt so viel wie in Deutschland. Die Schweizer Tests auf Sars-CoV-2 fielen in den vergangenen sieben Tagen zu knapp 17 Prozent positiv aus. Die deutsche Bundesregierung hat inzwischen zehn Schweizer Kantone auf die Liste der Risikogebiete gesetzt, darunter auch den großen Grenzkanton Zürich. Um den Grenzverkehr trotzdem nicht zu sehr einzuschränken und den Einkauftourismus aus der Schweiz nicht abermals abzuwürgen, von dem die deutschen Einzelhändler profitieren, hat Baden-Württemberg eine Notverordnung erlassen: Wer aus den Risikogebieten einreist und weniger als 24 Stunden bleibt, muss vorerst doch nicht in Quarantäne.

          Seit Beendigung der sogenannten außerordentlichen Lage Mitte Juni liegt die Verantwortung für die Schutzmaßnahmen nicht mehr zentral in der Hand des Bundesrats, wie die Regierung in der Schweiz genannt wird, sondern obliegt den Kantonen. Seither glich die Schweiz einem regulatorischen Flickenteppich mit stark unterschiedlichen Vorgaben zu Maskenpflicht, Publikumsveranstaltungen und Clubbesuchen. In dem Maße, wie sich das Leben wetterbedingt von draußen nach drinnen verlagert hat, sind die zu Beginn des Sommers noch niedrigen Infektionszahlen kontinuierlich gestiegen.

          Ein Jodelkonzert sei das „Allerletzte“

          „Was Veranstaltungen anbelangt, sind viele Kantone wohl zu unvorsichtig gewesen“, sagte der Berner Epidemiologe Christian Althaus der Schweizer „Sonntagszeitung“. Ein Jodelkonzert wie in Schwyz sei nun wirklich das Allerletzte, was man sich während einer Pandemie leisten könne. Aktuell verdoppele sich die Zahl der Krankenhauseinweisungen wegen Covid-19 einmal pro Woche. Es drohe wie im Frühjahr eine Überlastung des Gesundheitssystems. Tatsächlich sind etliche Krankenhäuser schon dabei, ihre Kapazitäten auf den Intensivstationen so weit wie möglich hochzufahren.

          Der Bundesrat und die Kantone haben den Ernst der Lage inzwischen erkannt und Maßnahmen beschlossen, die seit Montag nun in der ganzen Schweiz gelten. Öffentlich zugängliche Räumen wie Geschäfte, Restaurants, Theater, Kinos, Museen, Discos und Kirchen sowie sämtliche Zugangsbereiche des öffentlichen Verkehrs dürfen nur noch mit Mund-Nasen-Schutz betreten werden. Bei privaten Veranstaltungen mit 16 bis 100 Teilnehmern gilt jetzt ebenfalls eine Maskenpflicht. Verstöße gegen können mit Bußen von bis zu 10.000 Franken geahndet werden.

          Die Kantone dürfen über diese Maßnahmen hinaus tätig werden. So entschied der Kanton Bern Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Personen zu verbieten. Das trifft vor allem die Schweizer Fußball- und Eishockey-Liga. Der Schweizer Fußballmeister BSC Young Boys aus Bern und der Eishockey-Spitzenklub SC Bern sprechen in einer gemeinsamen Mitteilung von einem „Frontalangriff“. Aber auch die Kantone Basel-Stadt und Zürich denken über einen solchen Schritt nach.

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