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Corona in Österreich : Das Cluster vom Wolfgangsee

St. Wolfgang am Wolfgangsee am Montag Bild: Reuters

Früher war der Wolfgangsee als Urlaubsziel von Helmut Kohl bekannt. Jetzt macht er als Corona-Hotspot von sich Reden. Die Hoteliers wollen alle Servicekräfte testen lassen. Das hatte die Regierung schon früher angeboten – ohne großen Erfolg.

          3 Min.

          Der Wolfgangsee liegt in Österreich im Salzkammergut. Doch gehört er auch zum deutschen Kulturgut. Die Generation der Babyboomer ist mit dem Film „Im weissen Rössl“ und Peter Alexander als Oberkellner aufgewachsen. Sie hat sich nicht darüber gewundert, dass Bundeskanzler Helmut Kohl 30 Jahren lang zur Sommerfrische nach St. Gilgen am Wolfgangsee fuhr. Die Zeiten haben sich geändert. Kohls Nachfolgerin Angela Merkel wandert an anderen Urlaubsorten, und das „Weisse Rössl“ hat die Saison 2020 schon abgeschrieben, wie die Inhaberin des Luxushotels, Gudrun Peter, im österreichischen Rundfunk sagte.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Wien.

          Dabei gehören die österreichischen Seen noch zu jenen Lagen, die in diesem Jahr ungeachtet des Coronavirus vergleichsweise gut gebucht sind, auch von deutschen Gästen. Doch jetzt schreiben die Medien nicht mehr über die Seeidylle mit Bergpanorama, was der Wolfgangsee zweifellos auch bietet, sondern vom „Corona-Virus-Cluster“, zu dem er in den vergangenen Tagen geworden ist. Oberösterreich gehört schon seit Wochen zu den Regionen mit vielen Covid-19-Infektionen, weshalb die Landesregierung die Tragepflicht für Masken ausgedehnt hatte.

          53 Infektionen registriert

          In St. Wolfgang waren bis Montagnachmittag 53 Infektionen registriert, am Sonntag waren es 48, am Freitag war noch von 29 die Rede gewesen. Das Gros der Infizierten, unter ihnen viele Praktikanten, die man allesamt nach Hause in Heimquarantäne geschickt hat, gehört zum Personal. Am Sonntag waren nur drei Gäste unter den Infizierten. „Die Infektionsketten können alle nachvollzogen werden“, beruhigt man von amtlicher Seite. Zu den zehn am Freitag betroffenen Betrieben kam am Samstag ein prominenter hinzu: das „Weisse Rössl“.

          Vor Ort weist man schnell gezogene Vergleiche mit „Ischgl“ als vorschnell zurück. Größenordnung und Ansteckungsgeschehen ließen sich nicht vergleichen, auch fehle es an einer „Clubszene“. Zudem hätten die Behörden sofort reagiert. Zwar standen noch die Ergebnisse Hunderter Tests aus, doch gibt sich der Tourismusverein schon zuversichtlich, dass das Cluster eingegrenzt worden sei.

          Im wenige Kilometer entfernten Salzburg wird man das gerne hören. Dort beginnen am Samstag die Salzburger Festspiele zum hundertsten Mal – wenn auch in Corona-bedingt verkleinerter Ausführung mit Maskenpflicht, halber Bestuhlung, ohne Pause und Buffet. Doch könnte ein größerer Corona-Ausbruch den verbliebenen Gästen die Festspiel-laune verderben. Das größere Ansteckungsrisiko verortet die Festspielleitung ohnehin außerhalb der nur halb belegten Säle – in den Hotels und Gaststätten.

          Wie in St. Wolfgang, wo mobile Testzentren aufgebaut und eine Ausgangssperre von 23 Uhr an festgelegt wurde und wo die Gesundheitsreferentin Hotelschließungen oder eine Quarantäne für den gesamten Ort derzeit nicht für nötig hält. Allerdings wurden „verkehrsbeschränkende Maßnahmen für St. Wolfgang“ in Kraft gesetzt. Das klingt gravierender, als es ist: Bei der Abreise wird von den Gästen nun mit Hilfe eines Formulars erhoben, woher sie kommen und wohin sie fahren. In Wien immerhin werden Anrufer der Gesundheitshotline „1450“ seit Montag gezielt gefragt, ob sie sich in den vergangenen Tagen in St. Wolfgang aufgehalten hätten.

          Jede Woche testen

          Dort wird die Lage für manche Hoteliers wegen nun fehlender Servicekräfte zusätzlich herausfordernd. Wenn dann Gäste kurzfristig absagen, mag das zwar im Service entlasten, es stimmt die vorher von Umsatzrückgängen getroffenen Betreiber dennoch nicht froh. Und Absagen gibt es. „Es gibt Betriebe, wo die Hälfte der Gäste abgesagt hat, und welche mit 10 bis 15 Prozent“, zitiert die Agentur APA einen Sprecher der örtlichen Hoteliers. Arno Perfaller sagt aber auch, es kämen neue Urlauber: „Es gibt keine leeren Betriebe in St. Wolfgang.“

          Die Hoteliers in St. Wolfgang wollen die rund 500 Tourismusmitarbeiter nun jede Woche auf das Virus testen lassen. Das hätten sie schon vorher tun können. Tourismusministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) hatte dies bereits im vergangenen Monat für alle 65.000 Servicekräfte im Tourismus in Aussicht gestellt und den Betreibern diese kostenlos und mit mobilen Teams teils vor Ort angeboten. Bisher haben davon nach amtlichen Angaben nur rund 15.000 Gebrauch gemacht.

          Eine Steilvorlage für die Opposition: „Der Cluster am Wolfgangsee wird immer größer, von den angekündigten 65.000 Tests in Tourismusgebieten ist weit und breit keine Spur“, ätzt SPÖ-Bundesgeschäftsführer Christian Deutsch. Die Regierung, die auf die anschwellenden Infektionszahlen mit Reisebeschränkungen und einer Ausdehnung der Tragepflicht für Schutzmasken reagiert hatte, will nun diese Woche ein neues Ampel-Konzept zur regionalen Bekämpfung der Pandemie beschließen.

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