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Debatte um Auffrischimpfungen : WHO hält Booster für ungerecht

Eine Mitarbeiterin des Impfzentrums am Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart verabreicht am 1. September eine Auffrischimpfung gegen das Coronavirus. Bild: dpa

Deutschland habe einen Teil seiner COVAX-Spenden ins neue Jahr verschoben, um Impfstoff für Auffrischimpfungen zu haben, sagt Gesundheitsminister Spahn. Bei der WHO dürfte das für Entsetzen sorgen.

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          Damit Deutschland bis zum Ende dieses Jahres ausreichend Corona-Impfdosen hat, um allen Impfwilligen Auffrischimpfungen zu verabreichen, hat die Bundesregierung Impfstoffspenden an ärmere Länder verschoben. Das sagte der geschäftsführende Bundesgesundheitsminister Jens Spahn am Mittwoch auf einer Veranstaltung der Süddeutschen Zeitung: „Wir haben sogar einen Teil unserer COVAX-Spenden, also internationale Spenden mit BioNTech, jetzt aus Dezember in den Januar und Februar geschoben, um in Deutschland für diese Dinge genug Impfstoff zu haben“, so der CDU-Politiker.

          Johannes Ritter
          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Diese Äußerung dürfte bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf für Entsetzen sorgen. Sie kritisiert schon lange, dass die Impfstoffe ungerecht verteilt würden. Die Länder mit niedrigen Einkommen haben bisher nur 0,4 Prozent aller Impfstoffdosen erhalten, rechnet die WHO vor. Es ergebe keinen Sinn, gesunden Erwachsenen Auffrischimpfungen zu verabreichen oder Kinder zu impfen, wenn Gesundheitspersonal, ältere Menschen und andere Hochrisikogruppen in der ganzen Welt noch immer auf ihre erste Dosis warteten, sagte der WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus jüngst auf einer Pressekonferenz.

          „Jeden Tag werden weltweit sechsmal mehr Auffrischimpfungen verabreicht als Erstimpfungen in einkommensschwachen Ländern. Dies ist ein Skandal, der jetzt beendet werden muss.“ Um das Ziel der WHO zu erreichen, bis Ende dieses Jahres 40 Prozent der Bevölkerung aller Länder zu impfen, würden zusätzlich 550 Millionen Dosen benötigt, sagte Ghebreyesus. Das entspreche der Produktion von etwa zehn Tagen. Auch in den Vereinigten Staaten wird für die kommenden Tage ein Beschluss erwartet, alle Erwachsenen zu Auffrischungsimpfungen aufzufordern.

          Über die internationale COVAX-Initiative, die einen gerechten Zugang zu Impfstoffen gewährleisten will, sind bislang fast 500 Millionen Dosen in 144 Länder geliefert worden. Das ist nach Einschätzung der WHO viel zu wenig. Michael Ryan, Chef der WHO-Notfallprogramme, zeigt mit dem Finger auf die reichen Länder, die ihre Versprechungen nicht einlösten: „Von der Impfstoffmenge, die die reicheren Länder in den vergangenen sechs Monaten zugesagt haben, sind nur 15 Prozent geliefert worden“, sagte Ryan ZEIT Online.

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