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Rassismus-Vorwürfe : „Sie finden heute keine Schwarzen auf der Straße in Guangzhou“

Straßenszene in „Little Africa“, einem Distrikt der chinesischen Stadt Guangzhou, vom März 2018. Bild: AFP

Zahlreiche afrikanische Länder werfen den chinesischen Behörden Rassismus im Kampf gegen das Coronavirus vor. Für Pekings Imagekampagne auf dem Kontinent ist das ein herber Rückschlag.

          3 Min.

          Der nigerianische Geschäftsmann macht aus seiner Empörung keinen Hehl. Am Telefon spricht er von „rassischer Selektion“ und sagt: „In ganz Guangzhou werden Sie heute keinen schwarzen Mann auf der Straße antreffen.“ Die afrikanischen Bewohner der südchinesischen Metropole seien allesamt von den Behörden „zusammengetrieben“ worden, sagt der Handelsunternehmer, der aus Angst vor Repression seinen Namen nicht nennen will.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für China, Nordkorea und die Mongolei.

          In keiner Stadt in Asien leben so viele Afrikaner wie in Guangzhou. Was sich dort in den vergangenen Tagen abgespielt hat, hat sich für China inzwischen zu einer diplomatischen Krise ausgewachsen. In einer gemeinsamen Protestnote beschwerten sich zahlreiche afrikanische Länder bei Chinas Außenminister Wang Yi über die „unmenschliche Behandlung, der Afrikaner ausgesetzt wurden“. Nigeria, Uganda, Ghana und die Afrikanische Union baten zusätzlich die jeweiligen chinesischen Botschafter zum Gespräch. Das amerikanische Konsulat in Guangzhou sah sich sogar veranlasst, Afroamerikanern von einer Reise in die Region abzuraten.

          „Rettet uns aus der Hölle“, titelt eine kenianische Zeitung

          Hintergrund des Eklats sind verschärfte Präventionsmaßnahmen der Lokalregierung zur Eindämmung des Coronavirus, von denen Schwarze offenbar besonders stark betroffen sind. Hinzu kommt, dass die Furcht vor einer Wiedereinschleppung des Virus aus dem Ausland rassistischen Reflexen Vorschub geleistet hat. Nach Angaben des amerikanischen Konsulats wurden Bars und Restaurants von der Polizei in Guangzhou angewiesen, „Kunden, die afrikanischer Herkunft zu sein scheinen“, nicht zu bedienen. Zahlreiche Afrikaner wurden von ihren Vermietern vor die Tür gesetzt. Berichten zufolge hängt das womöglich damit zusammen, dass manche sich ohne gültiges Visum im Land aufhalten, was aus der Sicht der Behörden die Gefahr erhöht, dass sie sich einem Corona-Test entziehen.

          Wissen war nie wertvoller

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          Afrikanische Medien berichteten, dass Hunderte auf der Straße übernachten mussten. Die kenianische Zeitung „The Nation“ titelte: „Kenianer in China: Rettet uns aus der Hölle“. Andere, wie der genannte Nigerianer, wurden scheinbar willkürlich unter Heimquarantäne gestellt, obwohl sie nach eigenem Wissen keinen Kontakt zu Infizierten hatten und das Land in den vergangenen Monaten nicht verlassen haben.

          Es ist nicht das erste Mal, dass die Beziehungen zwischen China und einzelnen afrikanischen Staaten von Rassismusvorwürfen belastet werden. Doch gewöhnlich werden solche Irritationen möglichst geräuschlos beigelegt, um die chinesischen Geldgeber nicht vor den Kopf zu stoßen. Dem Sprecher des nigerianischen Repräsentantenhauses, Femi Gbajabiamila, war es diesmal jedoch wichtiger, sich als Anwalt seiner Landsleute zu präsentieren. Er veröffentlichte ein Video auf Twitter, in dem er den chinesischen Botschafter unverblümt zurechtweist und in einer demütig wirkenden Verbeugung zeigt.

          Wie sehr man in Peking über den Imageschaden alarmiert ist, ließ sich am Sonntag den Worten des Außenamtssprechers entnehmen: „Die Behörden in Guangdong messen den Sorgen mancher afrikanischen Länder große Bedeutung zu und arbeiten zeitnah daran, ihre Arbeitsmethode zu verbessern.“ Das Außenministerium distanzierte sich offen vom Vorgehen der Behörden in der Provinz und sprach von „begründeten Sorgen und legitimen Beschwerden auf afrikanischer Seite“.

          Rassistische Kommentare wabern durch das Internet

          Der Bürgermeister von Guangzhou, Wen Guohui, begründete die weitreichenden Quarantänemaßnahmen damit, dass in der Stadt seit Mitte März 119 Infektionen bei Personen registriert wurden, die aus dem Ausland eingereist waren. Um der Gefahr eines neuen Ausbruchs zu begegnen, wurden rückwirkend Corona-Tests für alle Personen angeordnet, die nach dem 8. März eingereist waren. Darüber hinaus wurden Kontaktpersonen von Reisenden aus Hochrisikoländern getestet. Insgesamt betraf das nach Angaben des Bürgermeisters rund 25.000 Personen. Das Resultat: In 13 Fällen sei der Test positiv ausgefallen. 12 der Betroffenen seien Afrikaner gewesen.

          Über einen Fall wurde in den chinesischen Medien ausführlich berichtet: Ein positiv getesteter Nigerianer soll sich gewaltsam gegen eine Quarantäneanordnung gewehrt haben. Seither wabern massenhaft rassistische Kommentare durch das chinesische Internet. Den nigerianischen Geschäftsmann hat das schockiert. „Das hier ist mein zweites Zuhause“, sagt der Mann, der seit mehr als zehn Jahren in China lebt. „Mir war immer wichtig, dass meine Kinder Chinesisch lernen, aber diese Sache hat alles verändert. Jetzt ist es mir egal.“

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