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Contergan : Nur eine einzige Tablette im Bus

Miguel ist der letzte bekanntgewordene Thalidomid-Fall in Brasilien Bild: Norbert Franchini

In Deutschland liegt der Contergan-Skandal bald ein halbes Jahrhundert zurück. In Brasilien aber kommen immer noch missgebildete Kinder auf die Welt. Medikamente mit dem Wirkstoff sind dort auf dem Markt, weil sie Leprakranken helfen. Die Pillen schlucken jedoch auch Schwangere.

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          Claudias Beine sind im Schlafzimmer. Sie selbst sitzt in ihrem kleinen Wohnzimmer, auf dem roten Teppich. Mit dem rechten Armstumpf stützt sie sich auf einer Lautsprecherbox ab, die im untersten Fach eines Bücherregals steht. Fast auf dem Boden also. Der andere, ebenfalls verkürzte Arm und die Hand mit nur drei Fingern sind immer in Bewegung. So, als wollte sie damit jeden Satz noch einmal bedeutender machen. Sie sagt Dinge, die schwer zu begreifen sind. Zum Beispiel: „Ich bin froh, dass meine Mutter meine Füße amputieren ließ.“ Aber ihre zwei missgebildeten Füße hätten nicht in die Beinprothese gepasst, auf die sie so stolz ist, dass sie ohne sie nie auf die Straße gehen würde.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          „Ich bin wütend, dass meine Mutter die Tabletten geschluckt hat.“ Das sagt sie auch. Es klingt verbittert. Claudia hat noch eine ältere und eine jüngere Schwester. Doch nur während ihrer Schwangerschaft nahm die Mutter Slip, ein Medikament, das wie Contergan auf dem Wirkstoff Thalidomid basiert. „Gut, dass meine Mutter damals nur zehn Tabletten genommen hat. Eine mehr, und ich hätte heute keinen Kopf.“ Claudia kann zynisch werden. Dann lacht sie kurz und ergänzt leise: „Meine Schwestern sind perfekt.“ Die Fünfundvierzigjährige sagt tatsächlich „perfekt“.

          Die dritte Opfergeneration wächst heran

          Claudia Marques Maximino kam am 24. September 1962 zur Welt. Zehn Monate zuvor, am 27. November 1961, hatte das Unternehmen Chemie Grünenthal GmbH mit Sitz in Stolberg bei Aachen das Schlafmittel Contergan vom Markt genommen. Der Wirkstoff Thalidomid, 1954 von Grünenthal entwickelt, war zu diesem Zeitpunkt schon in 46 Ländern zu haben - meist unter anderen Bezeichnungen. In Brasilien hießen die Medikamente Sedalis, Sedin und Slip. In der Folge des deutschen Contergan-Skandals wurden die Thalidomid-Präparate auch von der brasilianischen Regierung noch 1962 verboten. „Doch bis 1965 waren sie im Grunde frei erhältlich“, sagt Claudia. Sie gehört zur ersten Generation der Thalidomid-Opfer in dem südamerikanischen Land. Ihr Schicksal lässt sich durchaus mit dem der deutschen Contergan-Geschädigten vergleichen. In Europa aber wurden seit den frühen sechziger Jahren keine missgebildeten Kinder mehr geboren. In Brasilien hingegen schon. Dort wächst mittlerweile die dritte Opfergeneration heran.

          Das in Brasilien zugelassene Thalidomid-Präparat Thalidomida

          Miguel ist der zuletzt bekannt gewordene Fall. Der Sohn von Eleneide Rodrigues dos Santos kam am 26. August 2006 ohne Hände, Arme und Beine auf die Welt. Er hat nur zwei kleine, verkümmerte Füße. Regelmäßig nehmen ihn seine Mutter und seine sieben Jahre ältere Schwester zu Claudia in ihre Wohnung an der Avenida Santa Catarina im Stadtteil Vila Mascote von São Paulo mit. Miguels Familie lebt ebenfalls in der Megametropole, allerdings eine knappe Autostunde von Claudia entfernt - in einem winzigen Haus an der Rua Edgar in Vila Leonor unweit des internationalen Flughafens Guarulhos. Eleneide, die Mutter, arbeitet in der Verwaltung eines Krankenhauses, ihr Mann verkauft in seinem VW-Bus Zuckerrohrsaft und Backwaren.

          Der Fall ist typisch

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