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Commonwealthspiele in Indien : Chaotisch, dreckig und irritierend unfertig

Arbeiten bis zur letzten Minute: Ein Mann auf der Baustelle, die einmal ein Hockey-Stadion werden soll Bild: AFP

Die Organisatoren der Commonwealthspiele sind in Schwierigkeiten. Viele Gäste wollen nicht nach Delhi kommen. Sie haben Angst vor Baumängeln, Krankheiten und Terror. Und nun droht auch noch politisches Ungemach.

          4 Min.

          Beginnen sollen die Spiele erst am 3. Oktober, aber Niederlagen sammeln die Inder schon seit Wochen. Am Donnerstag kündigte die neuseeländische Mannschaft an, später als geplant zu den „Commonwealth Games“ anzureisen, um den Organisatoren in Delhi mehr Zeit zu geben; Gleiches war in den Tagen zuvor aus Kanada und Schottland zu hören gewesen. Die Australier überlegen inzwischen, ihre Mannschaft komplett zurückzuziehen, während auf dem Subkontinent die Befürchtung wächst, der Dachverband in Großbritannien könnte die gesamte Veranstaltung in letzter Minute absagen.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Wer glaubt, hier gehe es nur um Sport, irrt gewaltig. Nichts hatte die nationalen Phantasien in den vergangenen Jahren mehr beflügelt als die Ausrichtung der 19. Commonwealth Games, zu denen mehr als 7.000 Sportler aus dem früheren britischen Kolonialreich anreisen sollen. Nun drohen die Spiele, mit denen sich Indien als professioneller Ausrichter eines internationalen Großereignisses präsentieren wollte, zu einer „nationalen Schande“ zu werden, wie die Zeitung „Hindustan Times“ in dieser Woche schrieb.

          Das Spiele stehen vor dem Scheitern

          Zähneknirschend hatten die Bewohner Delhis in den vergangenen Jahren über sich ergehen lassen, dass ihre Stadt in eine Großbaustelle verwandelt wurde. Straßen wurden aufgerissen, U-Bahn-Tunnel gegraben, der zentrale Connaught Place wurde aufwendig verschönert und sogar ein neues Flughafen-Terminal gebaut - alles im Blick auf „die Spiele“, die bald bedeutender erschienen als Fußball-WM und Olympische Spiele zusammen. Doch dann häuften sich die Pannen. Baustellengerüste brachen zusammen, Decken fielen herunter, Brücken stürzten ein; die letzte am vergangenen Dienstag. Zu Dutzenden mussten Bauarbeiter in Krankenhäuser gebracht werden. Die Spiele rückten näher, und Delhi sah aus wie immer: chaotisch, dreckig und irritierend unfertig.

          Der Präsident der Commonwealth Games, Mike Fennel, kommt am Flughafen in Delhi an
          Der Präsident der Commonwealth Games, Mike Fennel, kommt am Flughafen in Delhi an : Bild: AFP

          Diesen Eindruck teilten auch die Kontrolleure aus London, die über den internationalen Standard der Commonwealth Games wachen. Die letzte Delegation, die den Standort inspizierte, gelangte zu einem vernichtenden Urteil. Nach einem Besuch des immer noch nicht funktionstüchtigen Athletendorfs bemängelten sie Fäkalienreste auf den Zimmern, „widerliche“ Toiletten und eine unfachmännisch installierte Elektrik. Laut „Times of India“ lautete ihr Verdikt: „Inakzeptabel“. Die Veranstaltung, sagte der Chef der Commonwealth Games England, Andrew Foster, stehe „auf Messers Schneide“.

          Den Politikern droht ein wütendes Volk und eine Blamage sondergleichen

          Längst wird das Sportereignis als diplomatische Affäre höchsten Ranges behandelt. Der Präsident der Commonwealth Games, Mike Fennel, verhandelt inzwischen mit Ministerpräsident Manmohan Singh persönlich. Der dürfte ahnen, dass ein Abpfiff aus London einer unfassbaren Blamage für Indien gleichkäme und seine Regierung in eine Krise stürzen würde. Schon heute steht sie im Mittelpunkt des wachsenden Volkszorns. „Indien ist weltweit beschämt worden - durch Politiker und Beamte, die sich als gleichgültig, unfähig und möglicherweise korrupt herausstellten“, kommentierte die „Times of India“ unlängst.

          Der Ärger wächst umso mehr, als die Verantwortlichen die Misere herunterspielen und zum Teil üble Nachrede insinuieren. Jeder habe „bei der Sauberkeit andere Maßstäbe“, erklärte der Generalsekretär des indischen Organisationskomitees, Lalit Bhanot, lapidar. Delhis Bürgermeisterin Sheila Dikshit warf Journalisten vor, die Pannen „aufzublasen“ und ungeduldig zu sein. „Möglicherweise gibt es einige kleine Baustellen- und Wasserprobleme - aber sind deswegen gleich die ganzen Spiele schlecht?“, fragte sie rhetorisch. Abhishek Manu Singhvi, der Sprecher der regierenden Kongresspartei, forderte die Journalisten in Delhi schlicht dazu auf, die Spiele erst zu beurteilen, wenn sie begonnen haben.

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