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Clinton-Sprecher Crowley : Rücktritt nach Kritik am Umgang mit Wikileaks-Informanten

Der Fall Manning hat Außenamtssprecher P.J. Crowley seinen Posten gekostet Bild: dapd

Als „lächerlich, kontraproduktiv und dumm“ hatte Außenamtssprecher Crowley den Umgang mit dem inhaftierten mutmaßlichen Wikileaks-Informanten Bradley Manning bezeichnet. Das brachte auch Präsident Obama in Erklärungsnöte. Nun musste Crowley seinen Rücktritt einreichen.

          P. J. Crowley ist beileibe nicht der einzige Mitarbeiter der amerikanischen Regierung, der sich über deren Umgang mit der Wikileaks-Affäre wundert oder gar ärgert. Viele haben den Eindruck, dass Washington den Schaden, der durch die Weitergabe Hunderttausender vertraulicher Informationen aus dem Pentagon und dem State Department an die Enthüllungsplattform entstand, durch eine unbeholfene Krisenreaktion noch vergrößert hat. Crowley hätte als Sprecher des Außenministeriums freilich wissen müssen, dass er diesen Ärger nicht öffentlich äußern darf. Er tat es dennoch und trat nun zurück.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Crowley hatte in der vergangenen Woche bei einer Veranstaltung in Boston die Behandlung des mutmaßlichen Urhebers der Flut geheimer Daten, des im 2010 im Irak festgenommenen 23 Jahre alten Heeres-Hauptgefreiten Bradley Manning, als „lächerlich, kontraproduktiv und dumm“ bezeichnet. Manning soll massenhaft Daten aus dem geheimen „roten Netz“, über welches das Pentagon und das State Department ihre vertraulichen und geheimen Informationen austauschen, kopiert und an Assange weitergeleitet haben. Seit Juli 2010 sitzt Manning nun in Einzelhaft im Hochsicherheitstrakt des Militärgefängnisses im Marinekorps-Stützpunkt Quantico im Bundesstaat Virginia und wartet auf sein Verfahren vor einem Militärgericht. Er muss sich unter anderem wegen Kollaboration mit dem Feind verantworten. Die Ankläger wollen dafür lebenslangen Freiheitsentzug fordern, nicht jedoch die Todesstrafe.

          Crowleys ganz und gar undiplomatische Kritik brachte das Verteidigungsministerium in Rage, das den Rücktritt des Sprechers von Außenministerin Clinton forderte. Präsident Obama sah sich zu der Erklärung veranlasst, er habe sich vom Pentagon versichern lassen, Manning werde „korrekt und normal“ behandelt. Pentagon-Sprecher Geoff Morrell hatte in der vergangenen Woche bei mehreren Medienauftritten versichert, er habe sich selbst in Quantico ein Bild von Mannings Haftbedingungen machen und nichts Außergewöhnliches feststellen können.

          Ein Termin für den Prozessbeginn gegen den 23 Jahre alten Manning steht noch nicht fest

          Häftling ohne Unterwäsche

          Nicht nur Mannings Anwalt, auch internationale Menschenrechtsgruppen kritisieren die Haftbedingungen des mutmaßlichen Verräters. Der Angeklagte wird 23 Stunden am Tag in seiner Zelle festgehalten. Jüngst wurde ihm immer wieder seine Unterwäsche weggenommen, weil er als selbstmordgefährdet gilt. In einem Brief an seinen Anwalt klagt Manning, er habe nackt vor Gefängniswärtern strammstehen müssen. Das Pentagon weist die Vorwürfe zurück; Manning werde behandelt wie alle anderen Häftlinge in dem Gefängnistrakt.

          Die Kritiker des Washingtoner Wikileaks-Krisenmanagements beziehen sich derweil nicht nur auf die Behandlung Mannings, sondern auch auf die Reaktion des Justizministeriums. Das hatte lautstark verkündet, man werde den Wikileaks-Gründer Julian Assange auf dem Rechtsweg zur Verantwortung ziehen. Doch die Drohung blieb leer, weil den Anklägern offenkundig die Handhabe fehlt. Umso lieber präsentiert sich Assange als tapferer David, dem ein vor Wut taumelnder Goliath nachstellt.

          Frau Clinton nahm die Demission ihres Sprechers mit Bedauern an. Der 60 Jahre alte Karrierediplomat Crowley hatte nach seinem ohnedies für bald erwarteten Ausscheiden als Außenamtssprecher seine Laufbahn mit einem schönen Botschafterposten beenden wollen.

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