https://www.faz.net/-gpf-9idab

Claas Relotius : Unwahrheiten über das amerikanische Leben

  • -Aktualisiert am

Erfand Geschichten, unter anderem über Amerika: der frühere Spiegel-Reporter Claas Relotius Bild: EPA

Ein Reporter des „Spiegel“ fabrizierte Informationen in einem Dutzend Artikeln – meist in der Absicht, die Rohheit Amerikas zu enthüllen.

          Seit seiner Gründung kurz nach dem Krieg hält Der Spiegel der Welt voller Stolz einen Spiegel vor. Als das Nachrichtenmagazin 1962 geheime Informationen über den schlechten Zustand der Bundeswehr veröffentlichte, beschuldigte die Regierung das Blatt des Landesverrats, ließ die Redaktionsräume durchsuchen und die Herausgeber der Zeitschrift festnehmen. Die darauf folgende »Spiegel-Affäre« führte zu Massendemonstrationen gegen Polizeistaatsmaßnahmen und schuf einen bedeutsamen Präzedenzfall für die Pressefreiheit in der jungen Demokratie. In seiner gesamten Geschichte trug der wöchentlich erscheinende Spiegel wie einst die Zeitschrift Time zu ihren besten Zeiten dazu bei, die nationale Agenda zu setzen.

          In den letzten Wochen hat der Name der Zeitschrift jedoch eine neue Bedeutung erlangt. Der Spiegel ist zerbrochen und enthüllt so ausgesprochen Hässliches innerhalb der Medienlandschaft und der deutschen Gesellschaft.

          Am 19. Dezember erklärte das Magazin, dass der Starreporter Claas Relotius in mehr als einem Dutzend Artikeln »in großem Stil« Informationen erfunden hatte. Relotius wurde als eine Art teutonischer Stephen Glass beschrieben, der in den 1990er Jahren einst systematisch The Republic beschwindelt hatte. „Ich bin krank, und ich muss mir jetzt helfen lassen“, erklärte Relotius gegenüber seiner Redaktion. Das mag zwar zutreffen, doch bei seinem Sturz geht es um mehr als einen Autor mit psychischen Problemen.

          Schuld liegt nicht allein bei Relotius

          Eines der Motive für seine Arbeit ist die angebliche Rohheit Amerikas. In einer Story erzählte er die makabre Geschichte einer Frau, die durchs Land fährt und sich als Zeugin für Hinrichtungen zur Verfügung stellt. In einer anderen berichtete er vom tragischen Schicksal eines Jemeniten, der vom US-Militär irrtümlich in Guantanamo Bay festgesetzt wurde, wo man ihn angeblich 14 Jahre lang in Isolationshaft hielt und folterte (Der Song, mit dem amerikanische Soldaten in voller Lautstärke seine Zelle beschallt haben sollen, war Bruce Springsteens „Born in the U.S.A.“). Beide Geschichten erwiesen sich als frei erfunden.

          Und das hätte man eigentlich leicht feststellen können. Nach dem Columbia Journalism Review ist die Fakten-Check-Abteilung des Spiegel die größte der Welt und sogar noch besser als die weithin gerühmte entsprechende Abteilung des New Yorker (2013 arbeitete ich mehrere Monate in einer inzwischen aufgelösten englischsprachigen Abteilung des Spiegel). Ein sorgfältiger Faktenprüfer hätte zumindest einmal die angebliche Hinrichtungstouristin kontaktiert, um ihre Existenz zu verifizieren. Und die amerikanischen Behörden führen sehr genau Buch über die in Guantanamo Bay Inhaftierten. Dennoch entgingen Relotius' Erfindungen der genauen Kontrolle seiner Kollegen.

          Der Spiegel versucht mit einer internen Untersuchung herauszufinden, was da falsch gelaufen ist. Mir scheint allerdings, die Schuld liegt nicht allein bei Relotius oder ein paar fahrlässigen Faktenprüfern oder auch in den Recherchemethoden der Zeitschrift, sondern in der Mentalität ihrer Redakteure und Leser. Relotius erzählte ihnen, was sie erwarteten und über Amerika hören wollten – ein Paradebeispiel für motiviertes Denken.

          Ignoranz gegenüber Amerika

          Man nehme zum Beispiel die Story, die Relotius im März 2017 publizierte: „Wo sie sonntags für Trump beten“. Ausführlich beschreibt dort der deutsche Korrespondent die Kleinstadt Fergus Falls in Minnesota nach Art eines Forschungsreisenden, der von seinem Besuch bei einem von der Zivilisation unberührten Stamm auf einer entlegenen Insel berichtet. Einige der von Relotius mitgeteilten „Fakten“, etwa die Behauptung, Präsident Trump hätte bei der Wahl dort 70,2 Prozent erreicht, obwohl es in Wirklichkeit 62,6 Prozent waren, hätten sich in ein paar Minuten überprüfen und falsifizieren lassen. Dasselbe gilt für andere Details aus der Kategorie „zu schön, um wahr zu sein“, etwa das Schild mit der Aufschrift „Mexicans Keep Out“ und eine beiläufige Bemerkung über einen Einwohner, der angeblich noch nie das Meer gesehen hatte. Nach einer vernichtenden Analyse zweier Einwohner von Fergus Falls, Michele Anderson und Jake Krohn, war der größte Teil der Story „frei erfunden“.

          Mit offenem Blick hätte die Redaktion misstrauisch gegenüber dieser erstaunlichen Geschichte über eine Stadt werden müssen, die derart chauvinistisch sein sollte, dass dort das einzige Kino Jahre nach der Uraufführung von American Sniper den Film immer noch vor vollem Haus spielt (eine weitere Lüge, die man leicht hätte widerlegen können). Dass diese eklatanten Betrügereien erst zwei Jahre nach ihrer Veröffentlichung entlarvt wurden, zeugt von der Ignoranz weiter Teile der deutschen Elite gegenüber Amerika. Relotius, so behaupte ich, konnte mit seinen Betrügereien deshalb so lange durchkommen, weil er die Vorurteile von Leuten bestätigte, die sich als Weltbürger geben, aber in Wirklichkeit ebenso provinziell sind wie die republikanisch gesinnten Hinterwäldler ihrer Phantasie.

          Relotius' Zerrbilder haben Tradition

          Der Spiegel wird zwar international als zuverlässige Nachrichtenquelle geachtet, doch er verbreitet seit langem schon einen kruden und sensationslüsternen Antiamerikanismus, der gewöhnlich in seiner speziellen Art eines reflexhaften Pazifismus gründet. Seine Umschläge brandmarkten die USA über die Jahre als „Die eingebildete Weltmacht“ (mit einer Abbildung des über den Erdball herrschenden Weißen Hauses), wiederholten den uralten Vorwurf „Blut für Öl“ als Begründung für den Irakkrieg und fragten zum Auftakt des Wahlkampfs um die zweite Amtsperiode George W. Bushs: „Wird Amerika wieder demokratisch?“

          Als Edward Snowden vor mehreren Jahren geheime Informationen zu den Überwachspraktiken der Vereinigten Staaten veröffentlichte, begann der Spiegel einen in seiner jüngeren Geschichte beispiellosen Kreuzzug, ereiferte sich über die Zusammenarbeit amerikanischer und deutscher Geheimdienste und verlangte, Berlin solle Snowden Asyl gewähren. Weit weniger empört zeigte sich das Magazin, als zwei Jahre später Russland das Computersystem des Deutschen Bundestags hackte. Im Februar 2017 brachte der Spiegel auf seinem Cover die berüchtigte Karikatur eines Donald Trump, der die Freiheitsstatue köpft. Und im Mai 2018 missbrauchte einer seiner Kolumnisten die Erinnerung an jene, die gegen die Nazis kämpften, indem er zum „Widerstand gegen Amerika“ aufrief – und das in einer Zeitschrift aus dem Land, das den Zweiten Weltkrieg begann.

          Die Zerrbilder, die Relotius in seinen Berichten bediente, werden von Europäern und vor allem von Deutschen an die Wand gemalt, seit die ersten Kolonisten vor Hunderten von Jahren hierherkamen. „Die europäischen Eliten bringen seit Jahrhunderten durchgängig und leidenschaftlich dieselben negativen Gefühle zum Ausdruck“, bemerkte Andrei Markovits 2007 in seinem Buch Uncouth Nation: Why Europe Dislikes America.

          Zu den negativen Eigenschaften, die Europäer lange schon mit Amerika verbinden, gehören nach Markovits „Käuflichkeit, vulgäres Auftreten, Mittelmäßigkeit, Unechtheit“ samt der Vorstellung, das Land sei ein „gefährlicher Parvenü“. Der Pioniergeist Amerikas und das radikale demokratische Ethos ängstigten die europäischen Eliten, die der politischen Macht ihrer eigenen Massen misstrauten. Heinrich Heine, der niemals in Amerika war, forderte im 19. Jahrhundert seine Landsleute auf: „Ihr lieben deutschen Bauern! geht nach Amerika! dort gibt es weder Fürsten noch Adel, alle Menschen sind dort gleich, gleiche Flegel…“

          Reflexhafter Antiamerikanismus

          Dieser reflexartige Antiamerikanismus hat durchaus Bedeutung. Die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland haben inzwischen ihren Tiefpunkt seit den frühen 1980er Jahren erreicht, als die Aufstellung atomar bestückter Pershing-Raketen auf deutschem Boden die größten Demonstrationen in der Geschichte der Bundesrepublik auslösten. Trumps rhetorische Pöbeleien gegen Deutschland tragen zweifellos beträchtlich zum beklagenswerten Niedergang der transatlantischen Beziehungen bei, doch das gilt auch für die latent antiamerikanischen Vorurteile, die der Spiegel regelmäßig im Stil der Yellow Press bedient, während er sie als anspruchsvolle Kritik ausgibt.

          Als Trump zum Präsidenten gewählt wurde, schien das die negativen Ansichten der Europäer über die Amerikaner nur zu bestätigen. Da zeigte sich in Gestalt unseres Reality-TV-Führers das Urbild des Amerikaners: vulgär, unhöflich, ignorant, kriegerisch. Trump mag ja all das sein, doch alle seine Anhänger mit solch einem groben Pinsel zu zeichnen ist so, als beschriebe man halb Deutschland als Bande im Stechschritt marschierender Möchtegern-Nazis. Die äußerst populären Arbeiten von Relotius lesen sich genau wie das, was man von einem schnöseligen, verweichlichten, selbstgerechten, moralische Überlegenheit vortäuschenden und Latte macchiato schlürfenden Europäer über Amerika zu hören erwartet. Man möge mir dieses Klischee verzeihen.

          Weitere Themen

          Trump: „Wofür haben Sie den Preis bekommen?“ Video-Seite öffnen

          Friedensnobelpreisträgerin : Trump: „Wofür haben Sie den Preis bekommen?“

          Auf diesen Termin im Weißen Haus hat sich der amerikanische Präsidenten Donald Trump offenbar nicht besonders gut vorbereitet. Als die Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad dem Präsidenten berichtet, dass ihre Mutter und ihre sechs Brüder umgebracht wurden, fragt Trump erstaunt: Wo sind sie jetzt?

          Topmeldungen

          Die aufgewendete Energie ist enorm, der Ertrag mager: Geförderte Humboldt-Universität in Berlin.

          Exzellenz-Förderung : Noch so ein Sieg

          Ein Wettbewerb, in dem es nur Sieger gibt, ist eigentlich keiner: Welche Universitäten über die Exzellenzinitiative gefördert werden und welche nicht, sagt so gut wie nichts aus.

          Persischer Golf : Vermisst irgendjemand eine Drohne?

          Ein weiterer Zwischenfall im Golf schafft Verwirrung. Iran dementiert amerikanische Angaben über einen Drohnenabschuss. Zugleich macht Teheran ein neues Gesprächsangebot.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.