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Claas Relotius : Unwahrheiten über das amerikanische Leben

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Mit offenem Blick hätte die Redaktion misstrauisch gegenüber dieser erstaunlichen Geschichte über eine Stadt werden müssen, die derart chauvinistisch sein sollte, dass dort das einzige Kino Jahre nach der Uraufführung von American Sniper den Film immer noch vor vollem Haus spielt (eine weitere Lüge, die man leicht hätte widerlegen können). Dass diese eklatanten Betrügereien erst zwei Jahre nach ihrer Veröffentlichung entlarvt wurden, zeugt von der Ignoranz weiter Teile der deutschen Elite gegenüber Amerika. Relotius, so behaupte ich, konnte mit seinen Betrügereien deshalb so lange durchkommen, weil er die Vorurteile von Leuten bestätigte, die sich als Weltbürger geben, aber in Wirklichkeit ebenso provinziell sind wie die republikanisch gesinnten Hinterwäldler ihrer Phantasie.

Relotius' Zerrbilder haben Tradition

Der Spiegel wird zwar international als zuverlässige Nachrichtenquelle geachtet, doch er verbreitet seit langem schon einen kruden und sensationslüsternen Antiamerikanismus, der gewöhnlich in seiner speziellen Art eines reflexhaften Pazifismus gründet. Seine Umschläge brandmarkten die USA über die Jahre als „Die eingebildete Weltmacht“ (mit einer Abbildung des über den Erdball herrschenden Weißen Hauses), wiederholten den uralten Vorwurf „Blut für Öl“ als Begründung für den Irakkrieg und fragten zum Auftakt des Wahlkampfs um die zweite Amtsperiode George W. Bushs: „Wird Amerika wieder demokratisch?“

Als Edward Snowden vor mehreren Jahren geheime Informationen zu den Überwachspraktiken der Vereinigten Staaten veröffentlichte, begann der Spiegel einen in seiner jüngeren Geschichte beispiellosen Kreuzzug, ereiferte sich über die Zusammenarbeit amerikanischer und deutscher Geheimdienste und verlangte, Berlin solle Snowden Asyl gewähren. Weit weniger empört zeigte sich das Magazin, als zwei Jahre später Russland das Computersystem des Deutschen Bundestags hackte. Im Februar 2017 brachte der Spiegel auf seinem Cover die berüchtigte Karikatur eines Donald Trump, der die Freiheitsstatue köpft. Und im Mai 2018 missbrauchte einer seiner Kolumnisten die Erinnerung an jene, die gegen die Nazis kämpften, indem er zum „Widerstand gegen Amerika“ aufrief – und das in einer Zeitschrift aus dem Land, das den Zweiten Weltkrieg begann.

Die Zerrbilder, die Relotius in seinen Berichten bediente, werden von Europäern und vor allem von Deutschen an die Wand gemalt, seit die ersten Kolonisten vor Hunderten von Jahren hierherkamen. „Die europäischen Eliten bringen seit Jahrhunderten durchgängig und leidenschaftlich dieselben negativen Gefühle zum Ausdruck“, bemerkte Andrei Markovits 2007 in seinem Buch Uncouth Nation: Why Europe Dislikes America.

Zu den negativen Eigenschaften, die Europäer lange schon mit Amerika verbinden, gehören nach Markovits „Käuflichkeit, vulgäres Auftreten, Mittelmäßigkeit, Unechtheit“ samt der Vorstellung, das Land sei ein „gefährlicher Parvenü“. Der Pioniergeist Amerikas und das radikale demokratische Ethos ängstigten die europäischen Eliten, die der politischen Macht ihrer eigenen Massen misstrauten. Heinrich Heine, der niemals in Amerika war, forderte im 19. Jahrhundert seine Landsleute auf: „Ihr lieben deutschen Bauern! geht nach Amerika! dort gibt es weder Fürsten noch Adel, alle Menschen sind dort gleich, gleiche Flegel…“

Reflexhafter Antiamerikanismus

Dieser reflexartige Antiamerikanismus hat durchaus Bedeutung. Die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland haben inzwischen ihren Tiefpunkt seit den frühen 1980er Jahren erreicht, als die Aufstellung atomar bestückter Pershing-Raketen auf deutschem Boden die größten Demonstrationen in der Geschichte der Bundesrepublik auslösten. Trumps rhetorische Pöbeleien gegen Deutschland tragen zweifellos beträchtlich zum beklagenswerten Niedergang der transatlantischen Beziehungen bei, doch das gilt auch für die latent antiamerikanischen Vorurteile, die der Spiegel regelmäßig im Stil der Yellow Press bedient, während er sie als anspruchsvolle Kritik ausgibt.

Als Trump zum Präsidenten gewählt wurde, schien das die negativen Ansichten der Europäer über die Amerikaner nur zu bestätigen. Da zeigte sich in Gestalt unseres Reality-TV-Führers das Urbild des Amerikaners: vulgär, unhöflich, ignorant, kriegerisch. Trump mag ja all das sein, doch alle seine Anhänger mit solch einem groben Pinsel zu zeichnen ist so, als beschriebe man halb Deutschland als Bande im Stechschritt marschierender Möchtegern-Nazis. Die äußerst populären Arbeiten von Relotius lesen sich genau wie das, was man von einem schnöseligen, verweichlichten, selbstgerechten, moralische Überlegenheit vortäuschenden und Latte macchiato schlürfenden Europäer über Amerika zu hören erwartet. Man möge mir dieses Klischee verzeihen.

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