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Christenverfolgung in Indien : Flächenbrand in Orissa

Etwa 15.000 Christen haben Zuflucht in Regierungslagern gefunden Bild: AFP

Zehntausende Christen sind in dem indischen Bundesstaat Orissa auf der Flucht. Hindunationalisten machen sie für den Mord an einem Guru verantwortlich. Menschenrechtsaktivisten sprechen von einem totalen Zusammenbruch der Ordnung.

          Zwei Tage nach dem Attentat auf Guru Swami Laxmananda traf der schlimmste Scharfmacher der indischen Hindunationalisten in Bhubaneshwar ein. Noch bevor Pravin Bhai Tagodia, der Chef des berüchtigten „Welthindurates“ (VHP), den Flughafen in der Hauptstadt Orissas verließ, diktierte er den Journalisten in den Block, was er rasch im Bundesstaat verbreitet wissen wollte: „Dies war ein Angriff der Kirchen auf die Religion der Hindus - die Aktivitäten der Kirchen in Orissa gehören verboten.“

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Togadias Streichholz entzündete sogleich einen Flächenbrand. Zwar hatte die Landesregierung die Maoisten für den Mord verantwortlich erklärt - und ein Rebellensprecher sich der Tat bezichtigt -, aber büßen mussten die Christen. 558 Häuser und 17 Kirchen seien in den vergangenen zehn Tagen zerstört, 13.000 Christen in die Flucht getrieben worden, teilte die Regierung des Bundesstaates am Montag mit. Die katholische Kirche hält das noch für eine Untertreibung: „50.000 Menschen sind auf der Flucht und mehr 2000 Häuser zerstört“, rechnete Raphael Cheenath vor, Erzbischof von Bhubaneshwar.

          „Totalzusammenbruch der Ordnung“

          Seine Bilanz stammt vom vergangenen Freitag; seither sind das Zerstören und Morden weitergegangen. Die Angaben über die Todesopfer schwanken mittlerweile zwischen zwanzig und mehr als dreißig. Von einem „Totalzusammenbruch der Ordnung“ spricht H. Suresh, ein früherer Richter am High Court von Bombay, der am Montag gemeinsam mit anderen indischen Menschenrechtsaktivisten eine Pressekonferenz in Bhubaneshwar gab.

          Lautstark protestieren Demonstranten gegen die Tötung indischer Christen in Orissa

          Tatsächlich ist es den Sicherheitskräften bislang nicht gelungen, den Mob unter Kontrolle zu bekommen. Die Appelle zur Zurückhaltung von Ministerpräsident Manmohan Singh, der in der vergangenen Woche von einer „nationalen Schande“ sprach, verpufften. Am Montag sah er sich gezwungen, weitere tausend Soldaten nach Orissa zu entsenden. Nun versuchen insgesamt 5500 Sicherheitskräfte, unter ihnen paramilitärische Einheiten, die Christen zu schützen. Etwa 15.000 Christen haben inzwischen Zuflucht in Lagern gefunden, die von der Regierung errichtet wurden.

          Christen sollen Hindus mit Geld zum Konvertieren gelockt haben

          Im Mittelpunkt steht der Distrikt Kandhamal, der schon im vergangenen Dezember Schauplatz gewalttätiger religiöser Auseinandersetzungen gewesen war. Damals brannten dort mehr als 50 Kirchen und Dorfkapellen, Hunderte Häuser von Christen wurden zerstört, aber auch einige Dutzende Häuser von Hindus. Auch andere Gebiete des östlichen Bundesstaates waren schon in den Schlagzeilen. Nationales Entsetzen rief vor knapp zehn Jahren der Mord an dem australischen Missionar Graham Staines hervor, der seit den sechziger Jahren mit Leprakranken in Orissa gearbeitet hatte. Sein Haus im Keonjhar-Distrikt wurde im Januar 1999 von Hindu-Fanatikern in Brand gesteckt - Staines und seine beiden jungen Söhne verbrannten bei lebendigem Leib.

          Die Spannungen zwischen den Hindus und der christlichen Minderheit - im ganzen Land liegt ihr Anteil bei zwei Prozent, in Orissa leicht darüber - wurzeln in zunehmenden Konvertierungen. In Kandhamal sollen nach Einschätzungen Ortskundiger in den vergangenen Jahren zwanzig Prozent der mehr als 600.000 Hindus zum Christentum übergetreten sein. Seit Jahren werfen Hindu-Organisationen den Kirchen vor, gezielt Niedrigkastige und Dalits („Unberührbare“) zu missionieren und dabei auch Geld einzusetzen. Die Kirche dementiert dies und spricht von freiwilligen Übertritten mit dem Ziel, dem Kastensystem zu entkommen. Die Vorwürfe der Massenmissionierung hatten schon den Indien-Besuch von Papst Johannes Paul II. im Jahr 1999 überschattet.

          Erinnerungen an das Pogrom von Gujarat werden wach

          Dessen Nachfolger, Papst Benedikt XVI., gehörte in der vergangenen Woche zu den Ersten, die die Ausschreitungen in Orissa verurteilten. Das italienische Außenministerium bestellte am Montag den indischen Botschafter ein und übermittelte ihm die „tiefe Besorgnis“ der Regierung in Rom. Inzwischen wechselte auch der indische Ministerpräsident Singh die Tonlage und forderte die Regierung in Bhubaneshwar auf, den Amoklauf gegen die Christen zu stoppen.

          Die Vorwürfe gegen den dortigen Ministerpräsidenten Naveen Patnaik werden immer lauter. „Die Polizisten waren reine Zuschauer, als die Gewalttäter Dorf für Dorf niedermachten“, klagt Erzbischof Cheenath. Swami Agnivesh, ein bekannter indischer Menschenrechtsaktivist, warf den Behörden in Orissa sogar vor, sich mit den Angreifern „gemein gemacht“ zu haben. „Was wir gesehen haben, erinnert an die Pogrome in Gujarat aus dem Jahr 2002“, sagte Agnivesh.

          Die Ausschreitungen in Gujarat, auf der anderen Seite des indischen Subkontinents, sind bis heute nicht vollständig aufgeklärt. Mehr als 1000, manche sprechen von 2000, Menschen kamen in der Gewaltorgie ums Leben, die meisten von ihnen Muslime. Menschenrechtsgruppen werfen der hindunationalistischen Regierung in Gujarat bis heute vor, die Pogrome mitinszeniert und unterstützt zu haben. Auch in Bhubaneshwar sind die Hindunationalisten an der Regierung beteiligt. Weil deren „Komplizenschaft“ bei den Christenverfolgungen in Orissa außer Frage stehe, werde sich Indien nicht mit der versprochenen Untersuchung durch die Landesregierung zufriedenstellen lassen, sagte Agnivesh Anfang der Woche.

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